30 Prozent weniger Menschen? Was von der AfD-Rechnung übrig bleibt
Die in Teilen gesichert rechtsextreme AfD erzählt seit Jahren dieselbe einfache Geschichte. Deutschland habe zu viele Menschen, zu viele Migranten, zu viele Belastungen. Wenn ein großer Teil davon verschwinde, so die Erzählung, dann werde Wohnraum frei, Schulen würden entlastet, Kitas hätten wieder Plätze, Krankenhäuser Luft und die Pflege würde wieder funktionieren. Björn Höcke hat diese Denkrichtung öffentlich zugespitzt. Er sagte, Deutschland könne auch mit „20/30 Prozent weniger Menschen“ leben. Das Zitat ist in der Debatte mehrfach dokumentiert worden.
Der Satz klingt brutal. Vor allem aber ist er wirtschaftlich und sozial falsch. Wer ein hochindustrialisiertes Land mit alternder Bevölkerung um ein Viertel oder ein Drittel schrumpfen will, beseitigt keine Probleme. Er verschärft sie. Nicht abstrakt, sondern in den Bereichen, die jeden Tag laufen müssen. Schule. Kita. Krankenhaus. Pflege. Handwerk. Verkehr. Supermarkt. Rentenkasse. Kommunalhaushalt.
Ende 2025 lebten in Deutschland rund 83,5 Millionen Menschen. Dreißig Prozent davon sind grob 25 Millionen. Deutschland läge dann nur noch bei etwa 58,5 bis 59 Millionen Einwohnern. Das wäre kein kleiner Korrektureingriff. Das wäre ein historischer Einschnitt von gewaltiger Wucht. Zugleich überstiegen 2025 die Sterbefälle die Geburten erneut deutlich, und die Nettozuwanderung reichte erstmals seit 2020 nicht mehr aus, dieses Defizit auszugleichen. Schon daran sieht man: Deutschland schrumpft demografisch nicht deshalb nicht schneller, weil „zu viele da sind“, sondern weil Zuwanderung die Lücke bisher wenigstens teilweise schließt.
Man muss dabei sauber unterscheiden, über wen überhaupt geredet wird. 2024 lebten in Deutschland rund 21,2 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Das entsprach 25,6 Prozent der Bevölkerung. Davon waren 56 Prozent ausländische Staatsangehörige und 44 Prozent Deutsche. Ein erheblicher Teil der Menschen, die in solchen Debatten pauschal als „Migranten“ verhandelt werden, sind also deutsche Staatsbürger oder hier geborene Nachkommen. Die AfD-Rechnung tut so, als handele es sich um einen austauschbaren Fremdkörper. Die Statistik sagt etwas anderes. Sie zeigt einen festen Teil dieser Gesellschaft.
Noch deutlicher wird es beim Arbeitsmarkt. Im Jahresdurchschnitt 2025 waren rund 46,0 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig. Gleichzeitig betont die Bundesagentur für Arbeit seit längerem, dass das Beschäftigungswachstum zuletzt nur noch von ausländischen Beschäftigten getragen wurde. Mediendienst Integration, der diese Zahlen auf Basis offizieller Arbeitsmarktdaten bündelt, kommt für Ende 2024 auf 6,3 Millionen ausländische Beschäftigte. Das entspricht 16,1 Prozent aller Beschäftigten. Wer also so tut, als könne man „30 Prozent weniger Menschen“ einfach administrativ aus dem Land denken, streicht nicht bloß Nachfrage. Er streicht Arbeitskraft. Und zwar in einem Land, das seinen Fachkräftemangel längst nicht mehr aus eigener demografischer Substanz decken kann.
Das Argument der AfD-Fans wirkt für manche nur deshalb plausibel, weil sie ein paar überfüllte Schulen, Wartelisten in Kitas und volle Notaufnahmen sehen und dann den falschen Schluss ziehen. Sie rechnen Menschen nur auf der Nachfrageseite. Sie blenden aus, dass dieselben Menschen auch Lehrkräfte, Erzieherinnen, Pflegekräfte, Ärztinnen, Azubis, Steuerzahler, Mieter, Handwerker, Busfahrer und Konsumenten sind. Genau diese zweite Hälfte der Rechnung entscheidet aber.
Schauen wir zuerst auf die Schulen. 2024 hatten 29 Prozent der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen eine Einwanderungsgeschichte. Unter den Lehrkräften lag der Anteil nur bei 11 Prozent. Wer rein zynisch in Köpfen rechnet, kann daraus einen scheinbaren Entlastungseffekt ableiten. Weniger Kinder, aber nur ein kleinerer Verlust an Lehrpersonal. Das ist der Moment, an dem die AfD-Erzählung für manche oberflächlich „funktioniert“. Nur ist das keine Bildungspolitik. Das ist ein Rechenmodell der gesellschaftlichen Ausdünnung. Es löst weder marode Gebäude noch Unterrichtsausfall noch Lehrkräftemangel strukturell. Es setzt bloß darauf, dass weniger Kinder da sind. Und darunter wären eben nicht nur „fremde andere“, sondern zu einem großen Teil Kinder, die längst hier leben, hier geboren wurden und zu dieser Gesellschaft gehören.
In den Kitas ist das Muster ähnlich. Destatis und die Bundeszentrale für politische Bildung weisen für 2023 rund 894.000 Kinder mit Migrationshintergrund unter den betreuten Kindern unter sechs Jahren aus. Das entsprach knapp 29 Prozent der betreuten Kinder. Für das Personal gibt es keinen so griffigen Ein-Satz-Bundeswert wie bei den Lehrkräften, aber übergeordnet zeigt Destatis: Im Bereich Erziehung und Unterricht insgesamt lag der Anteil der Beschäftigten mit Einwanderungsgeschichte 2024 bei 17 Prozent. Auch hier würde eine reine Kopfzahlrechnung eher auf weniger Kinder als auf weniger Personal hinauslaufen. Aber wieder nur unter einer Voraussetzung: Man erklärt Familien und Kinder zum Problem und ihre Abwesenheit zur Lösung. Wer so argumentiert, verbessert keine Kitas. Er verkleinert die Zukunftsbevölkerung eines Landes, das ohnehin zu wenig Nachwuchs hat.
Spätestens in Pflege und Gesundheit bricht die AfD-Erzählung dann zusammen. Destatis zeigt für 2024, dass in der Altenpflege 31 Prozent der Beschäftigten eine Einwanderungsgeschichte haben. In Engpassberufen wie Pflege ist der Anteil also gerade nicht klein, sondern überdurchschnittlich hoch. Die Bundesagentur für Arbeit und einschlägige Arbeitsmarktanalysen beschreiben die Entwicklung inzwischen sehr deutlich: Das Beschäftigungswachstum in der Pflege wird inzwischen wesentlich von ausländischen Beschäftigten getragen. Das heißt im Klartext: Der Laden läuft nicht trotz, sondern zunehmend wegen dieser Arbeitskräfte. Wenn man sie herausrechnet, entlastet man die Pflege nicht. Man reißt weitere Löcher in ein System, das jetzt schon am Limit arbeitet.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt, den populistische Rechnungen fast immer unterschlagen. Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind im Schnitt deutlich jünger als Menschen ohne Einwanderungsgeschichte. Destatis weist für 2024 ein Durchschnittsalter von 38,2 Jahren bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte aus, gegenüber 47,4 Jahren bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte. Nur 14 Prozent der Menschen mit Einwanderungsgeschichte waren 65 Jahre oder älter. Gerade in der Pflege ist das entscheidend. Die Pflegebedürftigkeit steigt im hohen Alter steil an. Wer also einen jüngeren Teil der Bevölkerung in großer Zahl entfernt, nimmt dem System vergleichsweise viele potenzielle Beitragszahler und Beschäftigte, aber verhältnismäßig weniger Hochaltrige mit besonders hohem Pflegebedarf. Das Ergebnis wäre nicht Entlastung, sondern ein noch schlechteres Verhältnis zwischen Bedarf und Personal.
Auch im Krankenhaus- und Arztbereich ist die Rechnung unerquicklich für die AfD-These. Destatis meldete Anfang 2026, dass 2024 rund jede achte Ärztin und jeder achte Arzt in Deutschland keine deutsche Staatsangehörigkeit hatte. Das sind 13 Prozent beziehungsweise rund 64.000 Medizinerinnen und Mediziner. Zählt man alle Zugewanderten mit, lag der Anteil sogar bei knapp einem Viertel der Ärzteschaft. Gleichzeitig war 2024 ein großer Teil der Ärzteschaft bereits im höheren Alter, und tausende Sitze gelten in der ambulanten Versorgung als unbesetzt oder schwer besetzbar. Wer in so einer Lage von weniger Zuwanderung oder massiver „Remigration“ spricht, sägt am Personalbestand.
Damit ist der Kernfehler der AfD-Idee sichtbar. In Schule und Kita lässt sich mit einer kalten Kopfzahlrechnung eine scheinbare Entlastung konstruieren. In Pflege und Medizin dagegen nicht einmal das. Dort würde die Versorgung sichtbar beschädigt. Aber selbst im ersten Fall bleibt die Rechnung verlogen. Denn sie tut so, als seien Kinder mit Einwanderungsgeschichte nur Last, nicht Teil der künftigen Gesellschaft. Genau darin steckt das politische Gift dieser Erzählung.
Noch deutlicher wird der Widerspruch bei den Staatsfinanzen. 2024 beliefen sich die Steuereinnahmen in Deutschland auf rund 948 Milliarden Euro. Die Umsatzsteuer brachte 302,1 Milliarden, die Lohnsteuer 248,9 Milliarden und die Energiesteuer 35,1 Milliarden Euro. Die Pflichtbeiträge aus Erwerbstätigkeit zur gesetzlichen Rentenversicherung lagen 2024 bei 305,9 Milliarden Euro. Private Konsumausgaben beliefen sich 2024 auf rund 2.283 Milliarden Euro. Das sind die großen Ströme, aus denen Staat und Sozialversicherung leben.
Wenn Ende 2024 etwa 6,3 Millionen ausländische Beschäftigte in Deutschland arbeiteten, also gut 16 Prozent aller Beschäftigten, dann ist schon in einer vorsichtigen Rechnung klar: Ein großer Teil der laufenden Einnahmen hängt an ihrer Arbeit, ihren Löhnen und ihrem Konsum. Selbst wenn man konservativ annimmt, dass ausländische Beschäftigte im Durchschnitt etwas geringere Einkommen als der Gesamtmedian erzielen und daher nicht exakt 16 Prozent jeder Einnahmequelle repräsentieren, bleibt der Größenordnungsbefund eindeutig. Fielen diese Arbeitskräfte weg, gingen nicht nur Arbeitsstunden, Pflegeleistungen und Steuerzahlungen verloren. Es fielen zugleich Milliarden an Sozialbeiträgen, Lohnsteuer und Mehrwertsteuer aus. Dazu kämen indirekte Verluste über Unternehmen, Vermieter, lokale Händler, Verkehrsbetriebe und Kommunen.
Die AfD-Logik blendet diesen Doppelcharakter von Bevölkerung systematisch aus. Menschen sind nicht nur Nutzer von Infrastruktur. Sie finanzieren sie. Jeder, der arbeitet, zahlt direkt oder indirekt in mehrere Systeme ein. Über Lohnabzüge. Über Rentenbeiträge. Über Kranken- und Pflegeversicherung. Über Mehrwertsteuer im Alltag. Über Energiesteuer beim Tanken. Über Miete und Nebenkosten, die wiederum Einkommen bei anderen auslösen. Wer Millionen Menschen aus dieser Gleichung entfernt, reduziert nicht bloß Warteschlangen. Er reißt Geldströme ab.
Deshalb ist auch der Satz von den „30 Prozent weniger“ keine nüchterne Vision eines effizienteren Landes, sondern eine Fantasie gegen die Realität eines alternden Industriestaats. Deutschland hat nicht zu viele junge Beitragszahler, nicht zu viele Pfleger, nicht zu viele Ärztinnen, nicht zu viele Erzieher. Deutschland hat in vielen Bereichen zu wenige. Und genau deshalb spielen Zuwanderung und Integration längst eine tragende Rolle für das Funktionieren des Landes.
Wer diesen Punkt ernst nimmt, landet schnell bei einer unbequemen Wahrheit. Die Probleme in Deutschland entstehen nicht vor allem dadurch, dass „zu viele Migranten da sind“. Sie entstehen durch jahrelang verschleppte Investitionen, durch zu wenig Wohnungsbau, zu wenig Ausbildungskapazität, schlechte Arbeitsbedingungen in Pflege und Erziehung, Bürokratie, regionale Fehlverteilung, einen überalterten Arbeitsmarkt und politische Feigheit. Die AfD ersetzt diese komplexe Realität durch ein Feindbild. Das klingt einfach. Aber es macht nichts besser.
Gerade in der Pflege und im Gesundheitswesen ist diese Vereinfachung brandgefährlich. Wer dort ernsthaft Personal verlieren will, zerstört Versorgung. Gerade in Schule und Kita ist sie moralisch entlarvend. Denn dort wird Entlastung nicht über bessere Ausstattung gedacht, sondern über weniger Kinder. Das ist keine Politik. Das ist das Wegrechnen von Menschen.
Am Ende bleibt von der Höcke / AfD-These vor allem eins: eine völkische Illusion. Ein Land mit 30 Prozent weniger Menschen wäre nicht automatisch ruhiger, gerechter, besser organisiert oder wohlhabender. Es wäre älter. Es wäre wirtschaftlich schwächer. Es hätte größere Probleme, seine Renten, seine Pflege, seine medizinische Versorgung und viele seiner Alltagsfunktionen zu sichern. Und es hätte die Realität seiner eigenen Abhängigkeit von Zuwanderung nur noch brutaler vor Augen.
Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob Deutschland mit 30 Prozent weniger Menschen „leben könnte“. Irgendwie leben kann fast jedes Land. Die Frage ist, wie. Mit welchen Schulen? Mit welcher Pflege? Mit welchen Steuerzahlern? Mit welchen Ärztinnen? Mit welchen Rentenbeiträgen? Mit welchen Bussen, Kitas, Supermärkten und Handwerksbetrieben? Spätestens dort endet die AfD-Parole. Nicht in Moral. In Mathematik.
Quellen
Statistisches Bundesamt, Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung 2025. (Destatis)
Statistisches Bundesamt, Menschen mit Einwanderungsgeschichte 2024. (Destatis)
Statistisches Bundesamt, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte mit Einwanderungsgeschichte 2024. (Destatis)
Statistisches Bundesamt und Bundeszentrale für politische Bildung, Kinder mit Migrationshintergrund in Kindertagesbetreuung 2023. (Destatis)
Statistisches Bundesamt, Beschäftigte mit Einwanderungsgeschichte in Engpassberufen, darunter Altenpflege. (Destatis)
Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarktsituation im Pflegebereich. (Statistik der Bundesagentur für Arbeit)
Statistisches Bundesamt, ausländische und zugewanderte Ärztinnen und Ärzte 2024. (Destatis)
Statistisches Bundesamt, Erwerbstätigenzahl 2025. (Destatis)
Bundesagentur für Arbeit und arbeitsmarktnahe Auswertung zur Bedeutung ausländischer Beschäftigter. (Statistik der Bundesagentur für Arbeit)
Bundesministerium der Finanzen, Steuereinnahmen 2024. (Destatis)
Deutsche Rentenversicherung, Beitragseinnahmen aus Erwerbstätigkeit 2024. (DRV Jahresbericht 2024)
Statistisches Bundesamt, private Konsumausgaben 2024. (Destatis)
Dokumentierte Debatte um das Höcke-Zitat zu „20/30 Prozent weniger Menschen“. (afd-verbot.de)
