Wutbürger als Mittel zum Zweck. Wie die AfD mit Hass und Hetze ihr Einkommen vermehrt

Wenn du durch Social Media scrollst und auf Wut und Empörung klickst – du wirst selten merken, dass du gerade Teil eines Geschäftsmodells wirst. Die AfD nutzt gezielt Hass, Provokation und Aufmerksamkeit als Einnahmequelle. Am prominentesten: Ulrich Siegmund, mit der vermutlich größten Reichweite unter deutschen AfD-Politikern auf TikTok.

Wer ist Ulrich Siegmund – und warum eignet er sich so gut als Beispiel?

Ulrich Siegmund (* 1990) ist Abgeordneter im Landtag Sachsen-Anhalt, Co-Fraktionsvorsitzender seiner Partei dort und Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2026.
Der Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt stuft seinen Landesverband als „gesichert rechtsextremistisch“ ein.

Was ihn besonders interessant macht: sein TikTok-Auftritt. Die Amadeu Antonio Stiftung nennt ihn „den erfolgreichsten deutschen Politiker auf TikTok“ mit einem Kanal, der sich anfühlt wie „Volksnähe“ – Videos bei Kundgebungen, im Landtag, kritische Kommentare zur Regierung.
Die Zeit nennt ihn TikTok-“Posterboy der AfD“.
WELT schreibt, dass er mehr als 560.000 Follower auf TikTok hat – mehr als fast jeder andere Politiker in Deutschland.

Siegmund nutzt einfache Sprache, starke Bilder, polarisiert bewusst. Er spricht viele Themen, die Emotionen wecken: Migration, „Eliten“, Krise. Er inszeniert sich als derjenige, der „die Wahrheit sagt“, während andere lügen.

Das Ergebnis: Er erzeugt Aufmerksamkeit, Reichweite – und öffnet damit Einkommenskanäle, auch wenn es nicht die Plattform selbst ist, die zahlt.

Wie Empörung zum Geschäftsmodell wird

1. Algorithmischer Hebel: Negatives zieht an

Empörte Kommentare, Hassdebatten, Provokationen erzeugen viel Engagement – Shares, Diskussionen, Reaktionen. Plattformen bevorzugen Inhalte mit hoher Reaktionsrate. Das heißt: Inhalte, die spalten, bringen mehr Sichtbarkeit. Studien über rechte Parteien und digitale Strategien zeigen, dass gerade diese Taktiken gezielt eingesetzt werden.

Bei TikTok etwa wird mit kurzen Clips gearbeitet, die eine Konfliktlinie setzen – oft bewusst unvollständig, provozierend, als Türöffner, um Kommentare hervorzurufen.

2. Reichweite als Hebel zur Monetarisierung (indirekt)

Direktes Geld für politische TikTok-Kanäle ist oft ausgeschlossen — viele Plattformen verbieten oder beschränken Monetarisierung für politische Inhalte. Aber: Reichweite lässt sich umleiten:

Klick auf Link zu Spendenseite oder Partei werden gestreut

Merchandise, Buchangebote, Abos

Crossposting auf Plattformen, die Werbeeinnahmen zulassen (z. B. YouTube)

Eigene Webseiten, Newsletter, Aktionen

So wird aus Empörung Traffic, und aus Traffic wird Geld.

3. Strukturen, die Reichweite mit Geld verbinden

(a) Spendenaffären
Die AfD ist mehrfach wegen unzulässiger Spenden und undurchsichtiger Finanzierung sanktioniert worden.
Ein prominenter Fall: eine Spende in Höhe von 2,35 Mio. € für Plakatkampagnen, mit Verdacht, ein Strohmann habe die Mittel weitergeleitet – eine Partei darf nach dem Parteiengesetz solche verdeckten Geldflüsse nicht annehmen, wenn erkennbar Dritte dahinter stehen.

(b) Wahlwerbung über Drittnetzwerke
Vereine, Publikationen oder PR-Agenturen, die nicht offiziell Teil der Partei sind, lassen sich als Puffer nutzen. Ein klassischer Fall: der „Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten“, der laut Recherchen Wahlwerbung für die AfD betrieb, ohne klar als parteinah deklariert zu sein.
Zahlreiche Recherchen zeigen, dass PR-Firmen wie die Goal AG in der Vergangenheit im AfD-Umfeld auftauchten und Kampagnen für AfD-Funktionäre durchgeführt haben.

(c) Anzeigen & Werbung bei rechten Influencern
In Medien wurde nachgewiesen, dass rechte Influencer, die Themen mit ideologischer Nähe bearbeiten, von Werbung profitieren. Werbebudgets landen in Kanälen, die Inhalte mit Wut und Ideologie inszenieren.

4. Beispielrechnung (vereinfacht)

Nehmen wir an:

Ein Siegmund-Video erreicht 1 Million Views

Davon klicken 0,5 % auf einen Link → 5.000 Klicks

2 % dieser Klickenden tätigen eine Spende/Merch → 100

Bei durchschnittlich 10 € → 1.000 € Einnahmen

Hinzu kommen eventuell Einnahmen über andere Versionen (YouTube oder Weiterleitungen)

Das ist eine konservative Schätzung – bei wiederholter Produktion, mehreren Videos und hoher Frequenz wird der Betrag signifikant größer.

Warum diese Strategie gefährlich ist

Die Wählerschaft wird nicht als Partner mit Anliegen gesehen, sondern als Einnahmequelle.

Inhalte werden nicht durch Sachlogik, sondern emotional getrieben – das schürt Polarisierung, Spaltung, Ressentiment.

Wer aus der Empörungslogik ausbrechen will, verliert Sichtbarkeit und damit Einnahmen.

Transparenzregeln, Kontrolle und Rechenschaftspflicht werden unterwandert, wenn Geldflüsse verschleiert werden.

Siegmunds Präsenz zeigt exemplarisch, wie ein Politiker mit Medienlogik operiert: Er spricht für TikTok, nicht für Parlamente.

Ulrich Siegmund ist kein Ausnahmefall – er ist der Prototyp eines Politikers, der digitale Technik nutzt, um Hate und Empörung zu monetarisieren. Seine enorme TikTok-Reichweite, gepaart mit gezielter Inszenierung und Umleitung von Traffic in Spendenkanäle, macht ihn zum Paradebeispiel dafür, wie die AfD Wähler in Mittel zum Zweck verwandelt.
Wutbürger werden nicht geführt, sondern benutzt – für Reichweite und Profit.

Quellen:

Amadeu Antonio Stiftung, „AfD: Rechtsextreme Politiker*innen feiern Erfolge auf TikTok“

Zeit, „Ulrich Siegmund: Der TikTok-Posterboy der AfD“

Universität Potsdam-Studie, AfD dominiert TikTok

WELT, „Wie der TikTok-Star der AfD die Alleinregierung ansteuert“

FAZ, „AfD-Erfolg auf TikTok: Die Plattform als Wunderwaffe“

Wikipedia, Ulrich Siegmund

Wikipedia, AfD-Spendenaffäre / Alternative for Germany donation scandal

Zeit, Berichte über Ermittlungen nach Großspende an AfD

ArXiv, „How to Hijack Twitter: Online Polarisation Strategies“

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Von Karlheinz Skorwider

Karlheinz Skorwider – CEO, Autor & Redakteur Unabhängiger Medien- und Werbeberater mit über 23 Jahren Erfahrung. Beobachter politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, mit klarem Blick auf Sprache, Machtstrukturen und öffentliche Debatten. Vater von drei Kindern, schreibt an dystopischen sowie gesellschaftskritischen Romanen und arbeitet an Projekten politischer Aufklärung. Bei QuelleX verbindet er kritische Analyse mit erzählerischer Schärfe – stets auf der Suche nach Klarheit, Haltung und Perspektive jenseits der Schlagzeilen.

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