die eu hat gesagt
die eu hat gesagt

„Die EU hat gesagt…“ – Wie Sprache Verantwortung verschiebt

„Die EU hat beschlossen.“
„Die EU verlangt.“
„Die EU hat vorgeschlagen.“

Es sind Sätze, die wir täglich hören. Sie klingen sachlich, neutral – und sind doch einer der größten rhetorischen Tricks der Gegenwart.
Denn sie verwandeln politische Verantwortung in ein anonymes Etwas.
„Die EU“ wird zur grauen Instanz, zum fernen Apparat, der denkt, handelt, befiehlt.
Aber wer ist „die EU“ eigentlich?

Der Trick mit dem Kollektiv

Wenn Politiker sagen: „Die EU hat entschieden“, klingt das, als käme der Druck von außen.
Doch die EU ist kein fremdes Wesen, sie ist ein politisches Netzwerk aus nationalen Regierungen, Fraktionen und Lobbyinteressen.
Sie handelt nicht – sie wird gehandhabt.

Genau das macht sie so nützlich:
Unpopuläre Entscheidungen lassen sich auf Brüssel schieben.
Beliebte Projekte reklamiert man als eigene Leistung.
So verwandelt sich Macht in Nebel.

Wer die EU wirklich ist

Die EU-Kommission – Exekutive der Union – besteht aus Kommissaren, die von den nationalen Regierungen entsandt werden.
An ihrer Spitze: Ursula von der Leyen, CDU, Vertreterin der konservativen EVP.
Im Rat der EU sitzen die nationalen Minister, also dieselben Leute, die zu Hause klagen, Brüssel zwinge sie zu irgendetwas.
Und im Parlament dominiert erneut die EVP – flankiert von Liberalen und zunehmend rechten Kräften.

Kurz gesagt: Wer in Deutschland regiert, regiert auch in Brüssel mit.
Wenn also ein Friedrich Merz „die Maschine in Brüssel“ bremst, bremst er seine eigenen Parteifreunde.

Der konservative Schutzschild

Die CDU nutzt das geschickt.
Wenn es um Rentenreformen, Agrarpolitik oder Sozialkürzungen geht, heißt es: „Wir müssen, die EU verlangt es.“
In Wahrheit stammt der Impuls meist von den eigenen Fraktionen im EU-Apparat.
So wird Brüssel zum Schutzschild: Man inszeniert sich als Getriebener, obwohl man selbst treibt.

Dieses rhetorische Doppelspiel erlaubt es Politikern, Täter und Opfer zugleich zu sein.
Es entlastet moralisch – und verschleiert Verantwortung.

Wie die Presse mitspielt

Auch die Medien helfen dabei.
In Eilmeldungen und Überschriften heißt es:
„Die EU plant neue Regeln für Migration.“
„Die EU erwägt Maßnahmen gegen Desinformation.“
„Die EU will Plastik verbieten.“

Nie steht da, wer genau das will.
Welche Fraktion, welcher Kommissar, welche Regierung.
Das Ergebnis ist ein anonymes Europa – ein System, das entscheidet, aber niemand verkörpert.
So entsteht das Bild eines übermächtigen Apparats, gegen den kein Bürger ankommt.

Das politische Kalkül

Für nationale Regierungen ist das bequem.
Wenn unpopuläre Maßnahmen kommen, lautet die Formel:
„Die EU hat es vorgeschrieben.“
Das Wort „EU“ funktioniert wie ein politischer Blitzableiter.
Schuld wird exportiert, Verantwortung verdampft.

Dass Deutschland – genauer: die CDU und SPD – selbst in den entscheidenden Gremien sitzt, bleibt unerwähnt.
So kann man zu Hause Opposition gegen die eigene Politik spielen.
Man kritisiert Beschlüsse, die man selbst in Brüssel mitgetragen hat.

Sprache als Tarnkappe

Diese Art von Sprache ist nicht zufällig.
Sie ist Machttechnik.
Sie erzeugt Ohnmacht beim Publikum und Freiheit für die Akteure.
Wer Verantwortung aus der Grammatik streicht, entzieht sie der Kontrolle.
So verwandelt sich Demokratie in Bürokratie – erst sprachlich, dann politisch.

„Die EU verlangt“, heißt es dann.
Aber wer genau verlangt?
Ein Beamter? Ein Kommissar? Eine Fraktion?
Die Formulierung verschleiert die Antwort – und genau das ist ihr Zweck.

Wie man die Sprache zurückholt

Es wäre leicht, ehrlicher zu sprechen.
Nicht: „Die EU will Rentenreformen.“
Sondern: „Die konservative Mehrheit in der EU-Kommission drängt auf Rentenkürzungen.“
Nicht: „Die EU erwägt neue Auflagen für Bauern.“
Sondern: „Die Kommission unter Ursula von der Leyen folgt den Vorschlägen großer Agrarlobbys.“

Das klingt unbequemer, ist aber wahrer.
Denn Politik besteht nicht aus Apparaten, sondern aus Menschen mit Interessen, Macht und Ideologie.

„Die EU“ ist kein Gegner und kein Gott.
Sie ist ein Spiegel – und darin sehen wir uns selbst:
unsere Parteien, unsere Regierungen, unsere Feigheit, Verantwortung zu benennen.

Wer also das nächste Mal hört: „Die EU hat beschlossen“, sollte fragen:
Wer genau? In wessen Interesse? Und warum wird er nicht genannt?

Erst wenn diese Fragen wieder gestellt werden, gehört die Sprache zurück den Bürgern.
Und mit ihr – die Demokratie.

#SpracheIstMacht

#EU

#PolitikVerantwortung

#Medienkritik

Avatar-Foto

Von Karlheinz Skorwider

Karlheinz Skorwider – CEO, Autor & Redakteur Unabhängiger Medien- und Werbeberater mit über 23 Jahren Erfahrung. Beobachter politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, mit klarem Blick auf Sprache, Machtstrukturen und öffentliche Debatten. Vater von drei Kindern, schreibt an dystopischen sowie gesellschaftskritischen Romanen und arbeitet an Projekten politischer Aufklärung. Bei QuelleX verbindet er kritische Analyse mit erzählerischer Schärfe – stets auf der Suche nach Klarheit, Haltung und Perspektive jenseits der Schlagzeilen.

Ein Gedanke zu „Die EU hat gesagt… – Wie Sprache Verantwortung verschiebt“
  1. Guten Tag,
    ein wunderbarer Artikel, der die absichtsvolle Unschärfe in politischer Kommunikation deutlich macht. Ich bin politisch aktiv und es ist in unserer Partei eher üblich, sich genauer auszudrücken, um Verantwortung von Gremien, Personen zu klären. Das braucht Kenntnis von Strukturen und viel Ehrlichkeit.
    Gruß

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert