Drogentote, Doppelmoral und das Versagen der Politik
Die Zahl der Drogentoten in Deutschland ist im Jahr 2024 leicht gesunken – von 2.227 auf 2.137. Das klingt beruhigend, doch der Eindruck täuscht. Denn unter den jungen Menschen, insbesondere bei den unter 30-Jährigen, stiegen die Todesfälle um 14 Prozent.
Die Opfer werden jünger, die Drogen gefährlicher – und die Politik reagiert wie immer: mit Phrasen, Polizeigewerkschaften und Parolen.
Henrik Streeck, sonst für Virologie zuständig, deutete jüngst an, der Anstieg unter Jüngeren zeige, dass mehr konsumiert werde.
Das Gegenteil dürfte stimmen. Nicht die Zahl der Konsumenten ist das Problem, sondern die Qualität und Zusammensetzung der Substanzen. Immer mehr synthetische Beimischungen, immer mehr Streckstoffe, immer mehr Chemie. Der Schwarzmarkt wird dreckiger, die Produktion unkontrollierter, das Risiko tödlich.
Wer versagt, ist nicht die Jugend – es ist die Politik
Während in Talkshows über „Sucht und Verantwortung“ diskutiert wird, ist die staatliche Drogenprävention längst auf Diät gesetzt worden.
Der Bund hat 2024 die Mittel für Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen von 13,2 auf 9,2 Millionen Euro gekürzt – ein Minus von rund 31 Prozent.
In Sachsen (CDU-geführt) will die Regierung die Gelder für Suchthilfe im Doppelhaushalt 2025/26 von 10,2 auf 7,6 Millionen Euro senken; die Projektförderung soll 2026 auf gerade einmal 84.000 Euro zusammenschrumpfen.
In NRW, ebenfalls CDU-geführt, sprechen Sozialverbände von einem „Kürzungshaushalt“, der die Suchtprävention um bis zu 37 Prozent schwächt.
Das ist kein Zufall, sondern Politik mit Ansage: Wenn gespart wird, dann bei denen, die keine Lobby haben – Jugendliche, Suchtkranke, Sozialarbeiter.
Law and Order statt Verantwortung
Und während die Zahlen leicht sinken, inszeniert sich Alexander Dobrindt bereits wieder als Lautsprecher der Law-and-Order-Fraktion.
Er nutzt die Toten, um härtere Strafen und mehr Polizeibefugnisse zu fordern – obwohl jeder Bericht zeigt, dass Repression keine Prävention ersetzt.
Die Realität: Wer Drogen kriminalisiert, aber Prävention kaputtspart, produziert die nächsten Drogentoten selbst.
Der blinde Fleck I: Alkohol
Über illegale Drogen wird geredet, über Alkohol geschwiegen.
Dabei sterben in Deutschland jedes Jahr über 47.000 Menschen an den direkten oder indirekten Folgen des Alkoholkonsums.
Etwa 15.000 davon allein an Erkrankungen, die eindeutig durch Alkohol verursacht sind.
Das sind mehr Tote als durch alle illegalen Drogen zusammen – und trotzdem taucht Alkohol in keiner Drogenstatistik auf.
Warum?
Weil er legal ist.
Weil er Steuern bringt.
Und weil er Teil der deutschen Alltagskultur ist: im Supermarkt, an der Tankstelle, im Kiosk – Selbstbedienung, oft ohne Alterskontrolle.
Während man über Cannabis debattiert, wird der Alkohol weiter subventioniert – gesellschaftlich, kulturell, politisch. Das ist keine Prävention. Das ist Heuchelei.
Der blinde Fleck II: Tabak
Wenn man über legale Drogen redet, darf man Tabak nicht ausklammern.
Rund 127.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an den Folgen des Rauchens – damit ist Tabak die tödlichste Droge des Landes, weit vor Alkohol und allen illegalen Substanzen zusammen.
Die volkswirtschaftlichen Schäden liegen bei rund 97 Milliarden Euro jährlich, während der Staat durch Tabaksteuer gerade einmal etwa 14 Milliarden einnimmt.
Das Verhältnis ist grotesk: Der Staat verdient an der Sucht, die er selbst reguliert.
Und während Warnbilder auf Zigarettenschachteln kleben, investiert die Industrie Millionen in Werbeumgehungen und Lobbyarbeit, um Verbote, Steuererhöhungen und Werbeeinschränkungen zu verwässern.
Jugendliche werden heute nicht mehr durch Marlboro-Plakate verführt, sondern durch E-Zigaretten mit Vanille- oder Cola-Geschmack, die als harmloses Lifestyle-Produkt verkauft werden.
Rauchen bleibt damit das sichtbarste Beispiel dafür, wie Politik und Wirtschaft eine tödliche Sucht normalisieren, solange sie Gewinn abwirft.
Ein System im Rausch der Verdrängung
Deutschland führt keine Drogenpolitik. Deutschland führt eine Politik der Verdrängung.
Die CDU unter Merkel hat jahrelang mit großen Worten und kleinen Budgets regiert, die Ampel setzt diesen Trend fort, und die Merz-CDU steht in den Ländern jetzt für Kürzungen, als hätte man aus Jahrzehnten des Stillstands nichts gelernt.
Statt Aufklärung: Angst.
Statt Prävention: Polizeieinsätze.
Statt Bildung: Budgetstreichungen.
Die Folge: Immer mehr Jugendliche verlieren den Zugang zu Beratungsangeboten, Streetwork-Projekten oder frühzeitiger Intervention.
Es stirbt eine Generation, weil der Staat sie nicht schützt – nicht vor den Drogen, sondern vor seiner eigenen Ignoranz.
Was wirklich nötig wäre
Eine moderne Drogenpolitik beginnt mit Ehrlichkeit:
Ehrlichkeit darüber, dass Alkohol und Tabak Drogen sind.
Ehrlichkeit darüber, dass Repression keine Sucht heilt.
Ehrlichkeit darüber, dass Sparpolitik Leben kostet.
Wir brauchen Prävention, die ernst genommen wird – an Schulen, in Jugendzentren, in Sozialarbeit und Medien.
Wir brauchen eine nationale Strategie, die nicht bei Haushaltsdebatten endet.
Und wir brauchen Politiker, die sich nicht an den Toten moralisch aufrichten, sondern endlich verhindern, dass es mehr werden.
Quellen:
– Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), Jahrbuch Sucht 2025
– Bundesdrogenbeauftragte, Reitox-Bericht 2024
– Bundesministerium für Gesundheit, Haushaltsplan 2023/2024
– Haushaltsentwurf Sachsen 2025/26, Leipziger Zeitung, 2024
– Verbände Freie Wohlfahrtspflege NRW, Stellungnahme HH 2025
– Statistisches Bundesamt (Destatis), Todesursachenstatistik 2023
– ZDF, Interview Henrik Streeck, Oktober 2025
#Drogenpolitik
#Gesellschaft
#Doppelmoral
#PräventionStattRepression
#PolitischesVersagen
