Die leise Verschiebung
Wie wirtschaftliche Unsicherheit, mediale Normalisierung und CDU-Vorfeldpolitik den Boden für Autoritäres bereiten
Deutschland steht nicht vor einem plötzlichen Zusammenbruch.
Was wir erleben, ist etwas anderes – leiser, langsamer, gefährlicher: eine schleichende Verschiebung dessen, was als normal gilt.
Diese Verschiebung passiert nicht zufällig. Sie folgt einem bekannten Muster. Und sie wird derzeit von Politik, Medien und Vorfeldstrukturen begleitet – oft ohne klaren Widerspruch.
Wirtschaftlicher Druck ohne Richtung
Die wirtschaftliche Lage ist angespannt.
Viele Unternehmen investieren nicht.
Der Mittelstand klagt über Unsicherheit.
Die Prognosen für 2026 sind schwach.
Gleichzeitig hören Bürger immer wieder denselben Satz:
„Wir müssen den Gürtel enger schnallen.“
Doch was viele sehen:
Milliarden neue Schulden
große Pakete
viele Ankündigungen
Aber kaum spürbare Verbesserungen im Alltag.
Das Problem ist nicht nur Geld.
Das Problem ist fehlende Steuerung.
Und fehlende Erklärung.
Wenn Menschen nicht mehr verstehen, warum sie verzichten sollen, während anderswo Geld fließt, entsteht Frust. Dieser Frust ist politisch hochgefährlich.
Koalitionsvertrag und neue Spielräume
In diese Lage fällt die Debatte um den Koalitionsvertrag.
CDU-Kanzleramtschef Thorsten Frei sagt, man dürfe sich nicht „stoisch“ daran klammern. Man müsse neu verhandeln können.
Das ist ein wichtiges Signal.
Denn wer Verträge infrage stellt, stellt auch Mehrheiten, Grenzen und Optionen infrage.
Parallel dazu beobachten wir etwas anderes.
Vorfeld statt offene Kooperation
In Köln wird ein Verein gegründet, in dem CDU-nahe und AfD-Akteure gemeinsam auftreten.
Formell kein Parteibündnis.
Praktisch ein Test.
So beginnt politische Annäherung selten offen.
Sie beginnt im Vorfeld:
Vereine
Initiativen
Plattformen
Nicht „Koalition“, sondern „Dialog“.
Nicht „Zusammenarbeit“, sondern „Austausch“.
Das ist kein Unfall.
Das ist eine bekannte Strategie.
Der Thinktank R21: Normalisierung mit Anzug
Eine zentrale Rolle spielt dabei der Thinktank R21.
R21 gibt sich bürgerlich, sachlich, konservativ.
Er spricht die Sprache von Ordnung, Markt, Verantwortung.
Nicht die Sprache der AfD – sondern die Sprache der CDU.
Und genau darin liegt seine Wirkung.
R21 übersetzt Positionen, die aus dem rechten Rand kommen, in akzeptable Begriffe.
Migration wird zur „Ordnung“.
Ausgrenzung wird zu „Realismus“.
Autoritäres Denken wird zu „Vernunft“.
So entsteht ein Raum, in dem gesagt werden kann:
„So schlimm ist die AfD doch noch nicht.“
„Ein Verbot wäre übertrieben.“
Das ist keine offene Zustimmung.
Aber es ist Entschärfung.
Wissenschaft und Medien als Beruhigung
Viele Medien zitieren derzeit Politikwissenschaftler und Juristen, die sagen:
Ein AfD-Verbot sei verfrüht
Man müsse die Partei politisch stellen
Man dürfe ihre Wähler nicht ausgrenzen
Das klingt nüchtern.
Aber historisch ist es riskant.
Denn autoritäre Bewegungen sind nie fertig, wenn man sie legitimiert.
Sie wachsen genau dann, wenn man sagt:
„Noch ist es nicht schlimm genug.“
Medien berichten korrekt – aber oft ohne historische Einordnung.
So wird aus Warnung Beruhigung.
Medienmacht und CDU-Nähe
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Medien als politische Werkzeuge.
CDU-Spitzenfiguren wie Julia Klöckner und Jens Spahn pflegen Nähe zu Akteuren wie Gotthardt, der ein stark polarisierendes, kampagnenorientiertes Medium finanziert.
Dieses Medium arbeitet nicht wie klassischer Journalismus. Es:
emotionalisiert
spaltet
delegitimiert demokratische Institutionen
Es ist kein Zufall.
Es ist Teil eines politischen Vorfelds.
So entstehen Resonanzräume, in denen AfD-Narrative normal wirken, ohne offen AfD zu sein.
Der historische Vergleich: Weimar und heute
Der Vergleich mit Weimar wird oft abgelehnt.
Und ja: Die Situationen sind unterschiedlich.
Damals:
Hyperinflation
Massenarbeitslosigkeit
Existenzangst
Heute:
keine Massenarbeitslosigkeit
kein völliger Zusammenbruch
Aber:
dauerhafte Unsicherheit
soziale Ungleichheit
Gefühl von Ohnmacht
Der Unterschied ist entscheidend: Weimar war ein Schock.
Heute ist es Erosion.
Demokratien sterben nicht nur durch Hunger.
Sie sterben auch durch Vertrauensverlust.
Wohin das führt
Wenn wirtschaftlicher Druck steigt
und politische Lösungen ausbleiben,
wenn Medien beruhigen
und Grenzen verschoben werden,
dann wird Radikales nicht plötzlich gewählt.
Es wird denkbar.
Und das ist der gefährlichste Moment.
Die AfD wird nicht deshalb normalisiert, weil sie so stark ist.
Sie wird normalisiert, weil Teile der politischen Mitte ihre eigene Orientierung verlieren.
Nicht durch offene Bündnisse.
Sondern durch Thinktanks, Vorfeldvereine und mediale Gewöhnung.
Geschichte wiederholt sich nicht.
Aber sie reimt sich.
Und wer diese Reime ignoriert, wird später sagen:
„Man hätte es doch sehen können.“
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