Der Frust mit dem Blech
Wir geben dem Auto zu viel Raum

Der Frust mit dem Blech – Warum Deutschland im eigenen Verkehr erstickt

Es beginnt meistens unspektakulär.
An einer Seitenstraße, irgendwo in einer dieser deutschen Städte, in denen sich der Alltag wie ein Stau anfühlt, selbst wenn die Straße leer ist. Zwei Reihen Autos, Stoßstange an Stoßstange, als hätten sie sich über Nacht zu einer stählernen Mauer formiert. Eine Lücke für Rettungswagen? Fehlanzeige. Platz zum Spazieren mit Kindern? Nicht wirklich. Das Bild ist so alltäglich geworden, dass wir gar nicht mehr merken, wie absurd es eigentlich ist.

Wir haben uns an das Blech gewöhnt wie an ein Grundrauschen.
Dabei verschluckt es uns längst.

Deutschland ist ein Land, das sich Mobilität leistet, die kaum jemand bezahlen kann – und gleichzeitig keine Mobilität hat, die Menschen entlastet.

1. Das Auto als Volksberuhigungsmittel

Deutschland hat eine merkwürdige Beziehung zum Auto.
Es ist nicht nur Fortbewegung. Es ist Status, Sicherheit, Freiheit, Ersatz für Dinge, die fehlen: Raum, Zeit, Anerkennung. Wer in diesem Land etwas sein will, lässt sich das Blech nicht nehmen. Egal was es kostet.

Und es kostet viel.

Ein Neuwagen-Leasing plus Versicherung, Sprit, Steuer und Werkstatt übersteigt bei vielen Haushalten längst die Mietkosten der 90er-Jahre. Ohne dass jemand sich traut, das offen auszusprechen. Die monatlichen Belastungen werden still geschluckt – und dann als Sachzwang verkauft:

„Man braucht es halt.“

Das stimmt.
Auf dem Land stimmt es brutal.
In der Stadt stimmt es oft nur kulturell.

Doch aus diesem „Man braucht es halt“ ist eine politische Ausrede geworden.
Eine, die seit Jahrzehnten verhindert, dass sich irgendetwas ändert.

2. Die Politik hat sich fürs Blech entschieden – und gegen die Menschen

Deutschland hätte längst ein ÖPNV-System haben können, das Pendler entlastet, Familien stützt, Berufsgruppen mobil hält, die mit Schichtdiensten arbeiten.
Aber man hat sich entschieden. Gegen Schiene. Gegen Bus. Gegen die Fläche.
Für’s Auto. Für Erdöl. Für Subventionen. Für Konzerninteressen.

Man pumpte Milliarden in Straßen, Bauunternehmen, Tankrabatte und Dienstwagenprivilegien, während Buslinien eingestellt wurden, Bahnstrecken verrotteten und ganze Regionen mobilitätslos zurückblieben.

Es war eine Entscheidung mit Ansage:
Wir organisieren ein Land um ein Objekt, nicht um Menschen.

Das Ergebnis sehen wir jetzt:

• Städte sind erstickt.
• Dörfer sind abgehängt.
• Pendler stehen zwischen beiden Welten eingeklemmt.
• Und Familien sitzen abends über Rechnungen, die sie kaum noch tragen können.

Nicht wegen Luxus.
Sondern wegen Mobilität, die längst keine mehr ist.

3. Die Realität im ländlichen Raum: Mobilität als Überlebenskampf

Die Debatte über Autos wird oft in Städten geführt – und dort auch oft ideologisch hitzig. Aber die eigentliche Härte liegt auf dem Land.

Wer dort keinen Wagen hat, ist abgeschnitten.
Vom Arzt.
Vom Job.
Vom Einkaufen.
Vom Leben.

Busse fahren selten oder gar nicht.
Bahnstationen sind weit weg.
Pendeldistanzen sind real, nicht gefühlt.

Menschen dort brauchen das Auto – nicht als Symbol, sondern als rettendes Werkzeug.

Und trotzdem:
Auch sie zahlen dafür einen Preis, der viel zu hoch ist.
Viele verzichten auf Freizeit, Urlaub, bessere Ernährung, Familienausflüge, weil ihre monatliche Mobilität sie auffrisst.

Das Tragische ist:
Sie haben keine Wahl – und trotzdem werden sie mit denselben Kostenstrukturen bestraft wie jemand, der sein Auto aus Prestige vor die Haustür stellt.

Deutschland kennt keine Mobilitätsgerechtigkeit.
Es kennt nur Kosten.

4. Und in den Städten? Asphalt gewordener Stillstand

Die Städte sind das andere Extrem:
Überfüllt, zugeparkt, hektisch, laut – und doch voller Autos, die kaum noch bewegt werden. Jeder Parkplatz wird zur Trophäe, Radwege werden als Bedrohung wahrgenommen, Straßen als heilige Zonen.

Dabei ist die Wahrheit einfach:
Autos stehen mehr, als sie fahren.
Und trotzdem dominiert ihr Stillstand den Lebensraum von Millionen.

Wir haben Innenstädte, die nicht mehr atmen.
Straßen, die nur noch Kompromisse kennen.
Eigentum, das mehr Raum beansprucht als Menschen.

Es ist nicht das Auto, das zerstört.
Es ist die absolute Priorität, die wir ihm gegeben haben.

5. Die paradoxe Wut

Was jetzt in Kommentarspalten passiert, zeigt die ganze Tragik:
Die Menschen sind wütend, aber in unterschiedliche Richtungen.

Die einen schimpfen über Radwege, als wären sie ein persönlicher Angriff.
Die anderen über Städte, die „verrotten“.
Wieder andere über den ÖPNV, der sie hängen lässt.
Und manche über Menschen, die es wagen, das Auto als Belastung zu benennen.

Diese Wut ist verständlich.
Sie ist nicht dumm.
Sie ist kein Ideologieprodukt.

Sie ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Fehlsteuerung:

Wir haben Mobilität individualisiert, aber die Kosten gesellschaftlich gemacht.

Jeder kämpft für sich allein.
Im Stau, im Parkhaus, auf dem Fahrrad, im Zug, auf dem Dorf.
Und keiner merkt, dass alle über dieselbe Ursache stolpern:

Ein Verkehrssystem, das Menschen nicht mehr sieht.

6. Was wirklich passieren müsste

Nicht die Abschaffung des Autos.
Nicht das Verteufeln der, die darauf angewiesen sind.
Nicht das Moralisieren derer, die lieber Fahrrad fahren.

Sondern eine Mobilitätspolitik, die atmet, nicht erstickt.

• Massive Investitionen in ÖPNV – und zwar dort, wo er Leben rettet: Land und Pendelregionen.
• Entzerrte Städte, in denen Sharing, Busse, Fahrräder und Fußverkehr gleiche Chancen bekommen.
• Eine Kostenstruktur, die Haushalte entlastet, statt sie zu knebeln.
• Und ein politisches Bekenntnis, das nicht länger vor der Autolobby kuscht.

Mobilität ist kein Luxus.
Sie ist Infrastruktur.
Und Infrastruktur entscheidet über Lebensqualität, Chancengleichheit, soziale Gesundheit.

Deutschland hat das vergessen – und steckt jetzt fest, buchstäblich und gesellschaftlich.

7. Der vielleicht wichtigste Satz

Ich fahre selbst Auto, weil ich muss.
Aber ich sehe, dass wir uns mit dieser Abhängigkeit längst selbst gefesselt haben.

Mobilität darf nicht davon abhängen, ob man sich ein Stück Blech leisten kann.
Und sie darf nicht darüber entscheiden, ob eine Stadt lebenswert oder erdrückend wird.

Wir stehen an einem Punkt, an dem klar ist:

Das Auto ist nicht unser Feind.
Aber unser System macht uns zu Gefangenen des Autos.

Es wird Zeit, das aufzubrechen.

Nicht mit Verboten.
Nicht mit Schuld.
Sondern mit Ehrlichkeit, Struktur – und dem Mut, Mobilität endlich für Menschen zu gestalten, nicht für Metall.

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Von Karlheinz Skorwider

Karlheinz Skorwider – CEO, Autor & Redakteur Unabhängiger Medien- und Werbeberater mit über 23 Jahren Erfahrung. Beobachter politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, mit klarem Blick auf Sprache, Machtstrukturen und öffentliche Debatten. Vater von drei Kindern, schreibt an dystopischen sowie gesellschaftskritischen Romanen und arbeitet an Projekten politischer Aufklärung. Bei QuelleX verbindet er kritische Analyse mit erzählerischer Schärfe – stets auf der Suche nach Klarheit, Haltung und Perspektive jenseits der Schlagzeilen.

Ein Gedanke zu „Der Frust mit dem Blech“
  1. Der Frust mit dem Blech
    “Das Ziel sollte nicht sein, das Auto zu verteufeln, sondern die Abhängigkeit davon zu beenden.”
    🚗 Mein Kommentar dazu:

    Die teure Illusion der Freiheit.
    Karlheinz Skorwiders Text trifft einen wunden Punkt:
    Die massive Diskrepanz zwischen der gefühlten Notwendigkeit des Autos und der tatsächlichen Last, die es für Gesellschaft und Haushalt bedeutet. Die zugespitzte Aussage auf dem Bild, “Wir geben dem Blech zu viel Raum”, wird in seinem Beitrag eindrücklich untermauert.

    🏙️ Das Problem im urbanen und ländlichen Raum.
    Der Autor beschreibt treffend eine Schieflage, die sich in zwei gegensätzlichen Szenarien äußert:

    Die erstickende Stadt:
    Innenstädte werden zu de facto Parkplätzen degradiert. Sie verlieren Aufenthaltsqualität, ihre Flächen werden von stehenden Autos blockiert, die hohe Kosten verursachen, ohne in diesem Moment Nutzen zu stiften. Die Dominanz des Autos macht die Städte lauter, enger und teurer.

    Das abgehängte Land: Gleichzeitig wird das Auto für Menschen im ländlichen Raum oft zur einzigen Mobilitätsgarantie, weil der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) chronisch unterfinanziert und unzureichend ist. Die Folge ist eine Zwangsmobilität, bei der man muss, obwohl man vielleicht gar nicht will.

    💰 Die finanzielle und politische Dimension.
    Skorwider benennt die finanzielle Ruinierung vieler Haushalte durch das Auto als eine der zentralen Wahrheiten. Es ist ein Akt der Verdrängung, über hohe Lebenshaltungskosten zu klagen, während die monatlichen Ausgaben für das Fahrzeug – oft die zweitgrößte Position nach der Miete – ignoriert werden.

    Die schärfste Kritik gilt jedoch der Politik:
    Das derzeitige System ist das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Entscheidungen. Subventionen für Konzerne und Privilegien wie das Dienstwagenprivileg haben die Abhängigkeit vom Auto zementiert, anstatt faire Alternativen zu schaffen. Die Pendler und Geringverdienenden zahlen dafür den höchsten Preis.

    ➡️ Fazit: Mobilität als politisches Statement.
    Der Text argumentiert überzeugend, dass Mobilität kein “Naturgesetz” oder eine rein individuelle Entscheidung ist, sondern ein politischer Zustand. Die Glorifizierung des Autos als Symbol der Freiheit steht im krassen Gegensatz zum realen Verlust an Lebensqualität, den diese Abhängigkeit mit sich bringt.

    Die Ehrlichkeit, die der Autor einfordert, muss dazu führen, dass wir die Kosten der Autodominanz – ökologisch, städtebaulich und finanziell – nicht länger ignorieren. Erst wenn echte, attraktive Alternativen zum PKW geschaffen werden, kann der Zwang zur Nutzung aufgebrochen werden. Das Ziel sollte nicht sein, das Auto zu verteufeln, sondern die Abhängigkeit davon zu beenden.

    Dieser Beitrag ist ein wichtiger Appell, die Debatte von der emotionalen Ebene der “Radfahrer vs. Autofahrer” hin zur fundamentalen Frage der gerechten und nachhaltigen Infrastruktur zu lenken.
    Winfried Hoffmann

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