die eu schwächt die klimaziele
die eu schwächt die klimaziele

Die EU schwächt ihr Klimaziel – und alle merken es

Ein historischer Kompromiss zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Europas neue Klimapolitik für 2040 verspricht minus 90 Prozent Emissionen, öffnet aber Schlupflöcher für Auslands-Offsets. Wer trägt die Verantwortung – und was steht auf dem Spiel?


Die Nachricht – und was sie bedeutet

Die Europäische Union hat am frühen Mittwochmorgen ein neues Klimaziel für 2040 beschlossen – und zugleich abgeschwächt. Während die Erde 2024 laut Weltwetterorganisation WMO bereits im Schnitt um 1,55 Grad wärmer war als vorindustriell, einigten sich die EU-Umweltminister nach 18 Stunden Verhandlung auf das Ziel, die Emissionen bis 2040 um 90 Prozent gegenüber 1990 zu senken.
Was ambitioniert klingt, ist ein Rückschritt: Bis zu fünf Prozentpunkte dürfen über Klimaprojekte im Ausland „erkauft“ werden. De facto muss die EU also nur 85 Prozent ihrer Emissionen selbst reduzieren.

Dieses Detail ist alles andere als technisch. Es verändert, was das Ziel für Klima, Industrie und Gesellschaft bedeutet. Das Ziel bleibt bestehen – der Weg dorthin wird dehnbarer, die Wirkung schwächer.


Europas Dilemma: Kompromiss als Kurs

Klimapolitik ist in Brüssel ein Balanceakt zwischen Ambition und Angst. Frankreich, Polen, Italien und Rumänien drängten auf flexible Zielmarken. Dänemark, die Niederlande und Finnland forderten mehr Verbindlichkeit für echte Reduktionen.
„Das Ziel bleibt, der Weg wird weicher“, sagte ein EU-Unterhändler nach der Einigung.

Unterstützung für den weicheren Kurs kam aus der Europäischen Volkspartei – besonders vom CDU-Politiker Peter Liese. Er plädierte für „Flexibilität“, um Industrie und Arbeitsplätze zu schützen. Das Europäische Parlament muss dem Kompromiss noch zustimmen. Insider erwarten jedoch keinen Widerstand.
Klimaschutz wurde zur Verhandlungsmasse, als Rat, Kommission und Mitgliedstaaten versuchten, ihre Interessen auszutarieren. Für einen Beschluss reichen 15 Staaten. Polen und Ungarn opponierten am Ende, konnten die Entscheidung aber nicht verhindern.


Schlupflöcher, Zertifikate, Ablässe

Die entscheidende Neuerung: Die EU öffnet ihren Zielpfad für internationale CO₂-Gutschriften, sogenannte Offsets. Bis zu fünf Prozent der Einsparungen dürfen aus Projekten in Drittstaaten stammen – etwa aus Aufforstungsvorhaben in Brasilien oder Kenia.
Das bedeutet: Unternehmen, die ihre Emissionen nicht direkt senken können oder wollen, dürfen sich freikaufen.

Doch das System ist anfällig für Betrug. Skandale um Reisprojekte in China (überhöhte CO₂-Gutschriften), umstrittene REDD+-Waldprojekte in Brasilien oder Konflikte um Landrechte in Nigeria und Kenia haben das Vertrauen in Kompensationen erschüttert.
Viele Projekte seien laut Prüfberichten nicht zusätzlich, ihre Wirkung oft nur auf dem Papier vorhanden.
„Der Baum, der morgen wächst, gilt schon heute als Kompensation – obwohl das CO₂ längst in der Atmosphäre ist“, sagt ein Wissenschaftler.

Ein Baum in der Savanne ersetzt keinen Auspuff in Europa. Feuer, Dürre oder Abholzung können die „kompensierte“ Tonne CO₂ rasch wieder freisetzen. Außerdem profitieren meist Zertifizierer und Investoren stärker als die Menschen vor Ort.


Wirtschaftsbremse oder Industrielobby?

Dass vor allem Industrieländer wie Frankreich und Polen auf eine Aufweichung des Ziels drängten, hat wirtschaftliche Gründe. Höhere Klimainvestitionen, so das Argument, könnten Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit gefährden.
Die Einigung, den Start des neuen Emissionshandels für Verkehr und Gebäude auf 2028 zu verschieben, gilt als Zugeständnis an Sorgen über Heizkosten und Benzinpreise.

Industrie, Energieversorger und Agrarverbände setzten sich mit dem Argument durch, zu strenge Vorgaben würden Europa wirtschaftlich überfordern. Umweltverbände warnen dagegen: Klima-Ambition darf kein Rechentrick werden.
„Wenn Europa beim Klimaschutz nachlässt, verschiebt sich der Kurs um Jahrzehnte“, sagt ein Vertreter eines europäischen Umweltverbands.


Gekauftes Klima – wer gewinnt, wer verliert?

Der Handel mit Klimazertifikaten verlagert die Verantwortung in den globalen Süden. Länder wie Nigeria, Kenia, Kolumbien oder Brasilien verkaufen CO₂-Gutschriften, doch die Risiken tragen lokale Gemeinschaften.
Berichte dokumentieren Streit um Landrechte, fehlenden Nutzen und unklare Verwendung der Erlöse.
So profitieren Zertifizierer wie Verra und Gold Standard, Investoren und europäische Industrieunternehmen – während Wälder, indigene Gruppen und kommende Generationen den Preis zahlen.

Laut WMO und IPCC ist die Welt weiter auf Rekord-Erwärmungskurs. 2024 war das wärmste Jahr seit Messbeginn. Das 1,5-Grad-Limit ist faktisch durchbrochen. Der IPCC erwartet bei heutiger Politik eine Erwärmung von 2,6 bis 2,8 Grad bis 2100 – jede Lücke zwischen Ziel und Praxis zählt doppelt.


Bilanzpolitik ohne Ehrlichkeit

Die EU gibt sich weiter als Klimaführerin, betreibt aber Bilanzpolitik. Ambition auf dem Papier ersetzt Veränderung in der Realität. Kompensation wird zur Ersatzhandlung, Zukunft gegen Gegenwart verrechnet.
Ein Analyst bringt es auf den Punkt: „Klimapolitik taugt nicht als Buchhaltung, sondern als Basis für unsere Zukunft.“

Die Frage ist nicht nur, ob das Ziel erreicht wird, sondern wem das System dient – den Profiteuren des Handels oder den Menschen, für die Klimaschutz gedacht ist.


Was bleibt

Die EU schwächt ihre Klimaziele zur Unzeit. Wissenschaft und Realität sind längst weiter als jede Verhandlung.
Politik verteilt Risiken und Kosten um – die Folgen betreffen alle. Mit jedem weiteren Schlupfloch rückt das 1,5-Grad-Ziel weiter in die Ferne.
Oder, wie es ein Umweltberater formuliert:
„Man kann die Erderwärmung nicht verhandeln – nur die Verantwortung.“


Quellenüberblick (Auswahl)

  • „EU-Umweltminister erringen Einigung – schwächen aber Klimaziel“, Marlene Brey, epd / evangelisch.de, 2025
  • „EU-Staaten einigen sich auf 90-Prozent-Klimaziel für 2040“, ZDF heute, 2025
  • „EU-Umweltminister liefern abgeschwächtes 2040er-Klimaziel“, APA / Reuters, Südtirol News, 2025
  • „EU-Staaten beschließen abgeschwächtes Klimaziel für 2040“, Handelsblatt, 2025
  • „EU-Staaten einigen sich auf abgeschwächtes Klimaziel“, Die ZEIT, 2025
  • „EU-Staaten einigen sich auf abgeschwächtes Klimaziel für 2040“, Tagesschau.de / ARD, 2025
  • „Letzte Chance für starkes EU-Klimaziel“, DNR, 2025
  • „Mutlos und mit Schlupflöchern“, Germanwatch, 2025
  • WMO: State of Global Climate 2024
  • IPCC: Syntheseberichte 2023/24
  • Oeko-Institut: Analysen zu EU Klimaziel 2040
  • Recherchen zu Verra, Gold Standard, Global Forest Watch (2023/24)
Avatar-Foto

Von Karlheinz Skorwider

Karlheinz Skorwider – CEO, Autor & Redakteur Unabhängiger Medien- und Werbeberater mit über 23 Jahren Erfahrung. Beobachter politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, mit klarem Blick auf Sprache, Machtstrukturen und öffentliche Debatten. Vater von drei Kindern, schreibt an dystopischen sowie gesellschaftskritischen Romanen und arbeitet an Projekten politischer Aufklärung. Bei QuelleX verbindet er kritische Analyse mit erzählerischer Schärfe – stets auf der Suche nach Klarheit, Haltung und Perspektive jenseits der Schlagzeilen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert