Die simulierte Mehrheit
Wie orchestrierte Netzwerke mit digitaler Lautstärke reale Mehrheitsverhältnisse verzerren
Eine Analyse von Karlheinz Skorwider über den Widerspruch zwischen digitaler Lautstärke und realer Demokratie
Abstract
Während in Deutschland 2024 und 2025 über drei Millionen Menschen gegen Rechtsextremismus demonstrierten, blieben rechte Straßenmobilisierungen marginal – meist mit wenigen hundert Teilnehmern.
In Kommentarspalten lokaler Medien jedoch dominieren orchestrierte rechte Netzwerke den Diskurs und simulieren durch koordinierte Kampagnen künstliche Mehrheiten.
Diese Studie untersucht am Beispiel des Gießener Anzeigers, wie digitale Manipulation funktioniert, welche psychologischen Mechanismen wirken und warum lokale Medien besonders anfällig sind.
Die empirische Analyse belegt: Die demokratische Mehrheit ist real – ihre digitale Sichtbarkeit aber systematisch verzerrt.
Die Diskrepanz
Als im Januar 2024 die Correctiv-Recherche zu rechtsextremen Deportationsplänen die Öffentlichkeit erschütterte, reagierte Deutschland mit einer beispiellosen Mobilisierung.
Innerhalb weniger Wochen gingen Millionen Menschen auf die Straße – in Berlin und München, in Hamburg und Köln, aber auch in mittelgroßen Städten wie Gießen. Es war eine der größten zivilgesellschaftlichen Bewegungen der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Doch wer in diesen Tagen die Kommentarspalten lokaler Zeitungen las, konnte einen völlig anderen Eindruck gewinnen.
Die Zahlen sind eindeutig dokumentiert: Zwischen Januar 2024 und Anfang 2025 fanden in Deutschland über 1.200 Demonstrationen gegen Rechtsextremismus statt, an denen mehr als drei Millionen Menschen teilnahmen.
Allein am Wochenende des 20. und 21. Januar 2024 waren es laut Polizeiberichten über 100.000 Menschen in Berlin und München, bundesweit sprachen Veranstalter von 1,4 Millionen Teilnehmenden.
Rund um das Auschwitz-Gedenken im Januar 2025 versammelten sich bei über 400 Veranstaltungen erneut bis zu 1,8 Millionen Menschen.
Im selben Zeitraum blieb die rechte Straßenmobilisierung marginal. Laut Bundestagsdrucksache 21/1097 fanden im zweiten Quartal 2024 lediglich 102 von Rechtsextremen organisierte Kundgebungen statt – die meisten mit weniger als 1.000 Teilnehmern.
Selbst größere Ereignisse wie der AfD-Parteitag in Riesa erreichten etwa 2.500 Teilnehmer, während draußen 8.000 Gegendemonstranten protestierten.
Bei Pegida-Veranstaltungen in Dresden kamen rund 500 Anhänger zusammen, denen 1.000 Gegendemonstranten gegenüberstanden. Beim AfD-Bundesparteitag in Essen demonstrierten bis zu 100.000 Menschen gegen die Veranstaltung.
Die empirische Realität ist klar: Die demokratische Mobilisierung übertrifft die rechte um das Hundertfache. Doch in den digitalen Räumen, die zunehmend als Gradmesser öffentlicher Meinung wahrgenommen werden, zeichnet sich ein anderes Bild.
Die Mechanik der orchestrierten Empörung
Der Medien- und Werbeberater Karlheinz Skorwider hat dieses Phänomen systematisch untersucht. Seine Studie „Die Lautstärke der Minderheit“ analysiert, wie rechte Netzwerke gezielt lokale Medien ins Visier nehmen, um dort künstliche Mehrheiten zu simulieren.
Am Beispiel des Gießener Anzeigers wird der Mechanismus konkret sichtbar.
Im Herbst 2025 berichtete die Zeitung über eine friedliche Gegendemonstration in Reiskirchen, einem Ort mit knapp 10.000 Einwohnern. Rund 200 Menschen hatten dort ein Zeichen gegen Rechts gesetzt.
Der Artikel erhielt über 1.100 Reaktionen und rund 1.000 Kommentare – ein beispielloses Engagement für ein Lokalmedium dieser Größe. Vergleichbare Beiträge derselben Redaktion erreichen durchschnittlich null bis zwei Reaktionen und keine Kommentare.
Die Aktivität setzte binnen weniger Stunden ein. Die Kommentare folgten erkennbaren Mustern: homogene Sprache mit Begriffen wie „Systemband“, „Altparteienknechte“ oder „gesteuert“, massenhafte Verwendung von Lach-Emojis als Spott-Instrument, zeitliche Bündelung der Beiträge und wiederkehrende Profilmerkmale – häufig anonyme oder pseudopatriotische Accounts mit geringer sonstiger Aktivität.
Ein zweiter Fall verstärkte das Bild. Als das Gießener Konzertbüro Bahl eine Veranstaltung absagte – eine Entscheidung, die von der betroffenen Band Subway to Sally ausdrücklich mitgetragen wurde –, folgte eine koordinierte Welle abwertender Kommentare gegen den Veranstalter.
Die Kommentarspalte der Zeitung wurde zum Schlachtfeld, auf dem die orchestrierte Kampagne ausgetragen wurde. In beiden Fällen blieben die Kommentarspalten unmoderiert – die koordinierten Angriffe konnten sich ungehindert entfalten.
Die Zeitung diente dabei als Plattform, nicht als Ziel, aber als unfreiwilliger Verstärker der Kampagne.
Vier Stufen der digitalen Manipulation
Skorwider identifiziert vier Mechanismen, die zusammenwirken:
1. Aktivierung: Kritische Artikel werden in geschlossenen Telegram-Gruppen oder anderen Kanälen verbreitet. Dort wird zur Kommentierung aufgerufen, oft mit Formulierungsvorschlägen.
2. Synchronisierung: Dutzende Accounts reagieren nahezu zeitgleich. Die Koordination ist an der zeitlichen Verdichtung erkennbar – oft binnen einer Stunde nach Veröffentlichung des Artikels.
3. Algorithmische Verstärkung: Social-Media-Plattformen und Redaktionssysteme messen Relevanz an Interaktionen. Ein Artikel mit 300 Kommentaren wird als besonders bedeutsam eingestuft, erhält mehr Sichtbarkeit, wird häufiger ausgespielt. Der Inhalt der Kommentare spielt dabei keine Rolle – Empörung zählt algorithmisch wie Zustimmung.
4. Mehrheitsillusion: Viele Kommentare suggerieren viele Menschen. Die psychologische Wirkung ist erheblich: Leser gewinnen den Eindruck, eine breite Mehrheit teile die geäußerten Positionen.
Diese Strategie kompensiert reale Schwäche durch digitale Lautstärke. Was auf der Straße fehlt, wird online simuliert. Desinformation ersetzt Diskussion, Wiederholung ersetzt Wahrhaftigkeit, Lautstärke ersetzt Legitimation.
Lokale Medien als unfreiwillige Verstärker
Besonders anfällig für diese Form der Manipulation sind lokale und regionale Zeitungen.
Anders als überregionale Redaktionen verfügen sie selten über spezialisierte Teams für Community Management oder systematische Faktenchecks. Ein Redakteur betreut die Online-Präsenz neben seinen journalistischen Aufgaben – gegen koordinierte Kampagnen mit Dutzenden oder Hunderten synchronisierter Accounts steht er strukturell auf verlorenem Posten.
Die Folgen sind in beiden Richtungen problematisch. Entweder werden Kommentarspalten geschlossen, wodurch legitime Diskussionen verhindert werden. Oder die Kommentare bleiben unmoderiert stehen, wodurch sich ein verzerrtes Meinungsbild verfestigt.
Leser, die sich zu Wort melden möchten, sehen die Flut aggressiver Beiträge und schweigen – ein klassischer Schweigespiraleffekt. Genau darauf setzen die Manipulatoren.
Lokalmedien werden so unfreiwillig zu Projektionsflächen künstlicher Mehrheitsbilder. Ihre Berichterstattung über demokratische Proteste wird mit orchestrierter Empörung überzogen, als sei die Stadt mehrheitlich anderer Meinung.
Die realen Verhältnisse – Tausende Demonstranten auf der Straße, einige Dutzend Accounts in der Kommentarspalte – werden unsichtbar gemacht.
Die Architektur der Verzerrung
Die Wirksamkeit dieser Strategie beruht auf strukturellen Eigenschaften digitaler Öffentlichkeit.
Algorithmen sind auf Engagement optimiert, nicht auf Qualität oder Authentizität. Ein empörter Kommentar erzeugt mehr Reaktionen als eine sachliche Analyse, eine polarisierende Formulierung mehr Reichweite als eine differenzierte Position.
Die ökonomische Logik der Plattformen – höhere Verweildauer bedeutet höhere Werbeeinnahmen – verstärkt diese Dynamik.
Rechte Netzwerke nutzen diese Mechanismen systematisch. Sie erzeugen nicht primär überzeugende Argumente, sondern emotionale Resonanz.
Sie setzen nicht auf rationale Auseinandersetzung, sondern auf die Simulation von Masse. Ihre Strategie ist nicht diskursiv, sondern psychologisch: Es geht darum, Zweifel zu säen, Vertrauen zu untergraben, demokratische Akteure zu isolieren.
Die Correctiv-Recherchen aus dem Jahr 2024 belegen, dass solche koordinierten Kampagnen bundesweit operieren. Über Telegram-Kanäle werden Artikel verbreitet, Kommentarvorlagen geteilt, Aktionen zeitlich abgestimmt.
Die Teilnehmer müssen nicht in der betreffenden Region leben – ein Artikel über eine Demonstration in Gießen wird von Accounts aus ganz Deutschland kommentiert, oft von Personen, die nie in Mittelhessen waren.
Psychologische Wirkung: Resignation und Selbstzensur
Die gesellschaftlichen Konsequenzen reichen über verzerrte Kommentarspalten hinaus.
Wenn Bürger den Eindruck gewinnen, rechte Positionen dominierten die öffentliche Meinung, entstehen reale politische Effekte: Resignation („Wenn ohnehin alle so denken, kann ich nichts ändern“) oder Selbstzensur („Wenn ich meine Meinung äußere, werde ich angegriffen“).
Diese Wirkung ist strategisch intendiert.
Die simulierte Mehrheit soll nicht primär überzeugen, sondern entmutigen. Sie soll Zweifel an demokratischen Institutionen säen, gesellschaftliche Solidarität zersetzen, Medien als unglaubwürdig erscheinen lassen – klassische Ziele strategischer Desinformation, wie sie aus autoritären Kontexten bekannt sind, nun angewandt auf lokale Diskurse in Deutschland.
Die Akteure nutzen demokratische Freiheiten, um Demokratie zu schwächen. Meinungsfreiheit wird zum Deckmantel für koordinierte Manipulation, die Offenheit der Plattformen zum Einfallstor orchestrierter Kampagnen.
Die Mehrheit ist real
Was der simulierten Lautstärke gegenübersteht, ist eine reale, messbare Mehrheit.
Die Millionen, die 2024 und 2025 demonstrierten, repräsentieren keine Inszenierung, sondern gesellschaftliche Wirklichkeit. Die Bewegung war breit getragen – von Gewerkschaften, Kirchen, Parteien, Kulturinitiativen und Bürgerbündnissen.
In zahlreichen Städten mussten Veranstaltungen wegen Überfüllung verkürzt werden.
Diese Mehrheit muss nicht simuliert werden – sie existiert.
Aber sie ist weniger organisiert in jenen digitalen Räumen, die zunehmend als Gradmesser öffentlicher Meinung wahrgenommen werden.
Während rechte Netzwerke systematisch Kommentarspalten fluten, schweigt die demokratische Mehrheit oft – nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung angesichts der Aggression.
Hier liegt die zentrale Herausforderung: Wie kann verhindert werden, dass manipulierte Minderheiten den öffentlichen Diskurs dominieren?
Skorwiders Studie liefert keine einfachen Lösungen, aber klare Handlungsfelder. Medien müssen in der Lage sein, koordinierte Kampagnen zu erkennen und als solche zu benennen.
Plattformen müssen Transparenz über Reichweitenmechanismen schaffen und Manipulation aktiv unterbinden. Zivilgesellschaftliche Akteure müssen den digitalen Raum nicht den Lautesten überlassen.
Fazit: Fakten gegen Lärm
Die empirische Grundlage ist eindeutig: Rechte Akteure stellen in Deutschland weder auf der Straße noch in der Gesellschaft eine Mehrheit.
Ihre Macht besteht in der Inszenierung, in der gezielten Übersteuerung des öffentlichen Raums durch digitale Lärmproduktion.
Die realen Verhältnisse sprechen eine andere Sprache.
Diese Erkenntnis sollte nicht jene entmutigen, die für demokratische Werte eintreten, sondern jene, die auf Täuschung setzen.
Denn Demokratie lebt nicht von der scheinbaren Mehrheit in Kommentarspalten, sondern von der realen Teilhabe engagierter Bürger.
Die Aufgabe der Medien und der Zivilgesellschaft besteht darin, diese Realität sichtbar zu halten – gegen das künstliche Echo orchestrierter Minderheiten.
Die Verantwortung liegt bei allen Beteiligten. Medien müssen zwischen authentischer Meinung und Kampagne unterscheiden, Plattformen ihre Algorithmen in den Dienst demokratischer Diskurse stellen, Bürger sich nicht täuschen lassen.
Die simulierte Mehrheit ist laut – aber sie ist nicht die Wirklichkeit.
Das zu erkennen und zu benennen, ist keine Parteinahme, sondern journalistische Pflicht.
Denn nur wo die realen Mehrheitsverhältnisse sichtbar bleiben, kann Demokratie funktionieren.
Quellen
Correctiv: Geheimplan gegen Deutschland – Das rechte Vernetzungstreffen in Potsdam, Januar 2024
Deutscher Bundestag, Drucksache 21/1097: Bericht über rechtsextreme Aktivitäten, Juni 2024
Polizei Berlin, Pressemitteilung, 23.01.2025
Statista/Wikipedia: Übersicht zu Demonstrationen gegen Rechtsextremismus 2024–2025
MDR: Bericht über AfD-Parteitag Riesa, Juli 2024
Sächsische Zeitung: Pegida in Dresden – Teilnehmerzahlen sinken, Oktober 2024
WAZ: 100.000 demonstrieren gegen AfD-Parteitag in Essen, Juni 2024
