Was hinter dem Angriff von Ulrich Siegmund auf den ÖRR wirklich steckt

Es lohnt sich, diesen Morgenmonolog von Ulrich Siegmund einmal ohne Stimmung, ohne Pathos, ohne die warme Stimme zu betrachten, mit der er ihn in die Kamera spricht. Wenn man die Oberfläche weglässt, sieht man sehr klar, welche Mechanik dahintersteckt. Das beginnt schon bei seiner Sprache: weich eingesetzte Motivationswörter, eine zugewandte Intonation, das typische „Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende“ am Ende. Das klingt harmlos, fast liebevoll. Aber genau das ist die Verkleidung.

Der Text selbst folgt einer bekannten Dramaturgie: erst das persönliche „Ich habe Tausende Nachrichten bekommen“, dann das Aufblasen des eigenen Einflusses, die Selbstinszenierung als jemand, der „endlich ungefiltert reden durfte“. Danach die Konstruktion eines gemeinsamen Wir-Gefühls, gefolgt von der Abwertung aller unabhängigen Medien. Und ganz am Ende der Mobilisierungsbefehl: Teilen, weiterleiten, in der Familie empfehlen. Es ist ein Motivationsmonolog, kein politischer Beitrag.

Dass diese Rhetorik funktioniert, liegt an der Stimme. Er spricht wie jemand, der gerade einen sehr persönlichen Moment mit seiner Community teilt – sanft, fast therapeutisch. Nur dass sein Inhalt alles andere als harmlos ist. Seine Worte sind freundlich, die Botschaft ist hart: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei Desinformation, die freie Presse sei „Systempresse“, kritische Fragen seien Manipulation, und seine eigene Erzählung sei die wahre Realität.

Diese Art von Kommunikation hat eine Funktion: Sie ersetzt Wirklichkeit durch Nähe. Menschen glauben nicht mehr, weil etwas wahr ist. Sie glauben, weil jemand nah wirkt.

Vor diesem Hintergrund muss man sich anschauen, wo Sigmund auftritt. Nius – oder im Volksmund NickNews – dient ihm als Bühne. Ein Medium, das sich selbst als Gegenöffentlichkeit verkauft, aber keine journalistischen Standards erfüllt. Reichweite entsteht hier nicht über Informationen, sondern über Emotionalisierung. Und diese Emotionalisierung wird dann als „alternative Wahrheit“ präsentiert.

Die Zahlen von Nius klingen auf dem Papier beeindruckend, sind aber Marketingstatistik. 2 Millionen „aktive Nutzer“ im Monat bedeutet nicht, dass 2 Millionen Menschen Inhalte lesen. Ein Großteil davon sind Mehrfachaufrufe. Die Live-Formate werben mit 1,2 Millionen Zuschauern pro Woche, aber die reale Sichtdauer liegt im Sekundenbereich. Wenn man das seriös herunterbricht, sehen zwischen 20.000 und 60.000 Menschen ein einzelnes Segment bewusst. Das ist nicht „das Land“, das ist eine kleine, gut ausgewählte Zielgruppe.

Und genau diese Zielgruppe braucht Siegmund: Menschen, die bereits ein Misstrauen gegen Medien entwickelt haben, die empfänglich sind für das Wir-Gefühl, das er versprüht. Seine Botschaft ist klar: „Vertraut uns. Misstraut allen anderen.“ Das ist die Kernstrategie aller rechten Bewegungen der letzten zehn Jahre.

Warum versuchen rechte Akteure, öffentlich-rechtliche und unabhängige Medien zu diskreditieren? Weil jene Medien eine Sache leisten, die rechte Influencer nicht kontrollieren können: Faktenprüfung, Kontext, kritische Rückfragen, Transparenzpflicht, Korrekturmechanismen.
All das ist für jemanden, der ein geschlossenes Weltbild verkaufen möchte, Gift.
Wer Menschen ideologisieren will, muss zuerst die Orte zerstören, an denen Menschen lernen, selbst zu denken.

Das Muster ist immer dasselbe:
Erst wird Vertrauen in Journalismus geschwächt.
Dann wird das Vakuum mit „alternativen Quellen“ gefüllt.
Am Ende bestimmt die eigene Community, welche Wahrheiten existieren.

Und genau dafür sind Kanäle wie Nius, rechte Influencer-Netzwerke und diese Morgenmonologe gebaut: Sie erzeugen eine künstliche Nähe, eine gefühlte Realität, eine Illusion von Gemeinschaft. Doch dahinter steckt eine klare Absicht: Menschen aus der demokratischen Debatte herauszulösen und in ein geschlossenes Meinungssystem hineinzuverschieben, in dem Kritik als Feindhandlung gilt und unabhängige Medien als „Lügenpresse“.

Wenn man einmal versteht, wie diese Mechanik funktioniert – Stimme, Sprache, Plattform, Zahlenframing, Feindbildkonstruktion –, verliert das Ganze seinen Zauber. Dann erkennt man, dass es keine Morgenbotschaft ist, sondern ein Werkzeug. Ein Werkzeug, das nicht informiert, sondern bindet. Nicht erklärt, sondern formt. Und nicht motiviert, sondern polarisiert.

Aufklärung beginnt dort, wo man versteht, wie Sprache manipuliert. Und warum Menschen wie Siegmund genau diese Mechanik brauchen.


Die Analyse:

Dieser Text ist kein „Guten-Morgen“-Gruß. Er ist ein Werkzeug. Ein gezielter psychologischer Hebel, verpackt als Wohlfühlbotschaft.

Ich breche den Lesern auf, wie er funktioniert, wozu er dient und welche rhetorischen Strategien Ulrich Sigmund nutzt.

Erstens: die Grundstruktur

Der Text arbeitet in drei Schichten.

  1. Selbstinszenierung als Held, der „schon so viel geschafft hat“, „für uns kämpft“ und die „gute Nachricht“ überbringt. Damit wird eigene Bedeutung aufgeblasen und eine Nähe konstruiert, die emotional abhängig machen soll.
  2. Feindbildkonstruktion: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, etablierte Medien, „Systempresse“, angebliche „Umerziehung“. Das ist der klassische Frame jeder extremistischen Kommunikation: Die Welt ist manipuliert, wir sind die einzigen, die euch die Wahrheit sagen.
  3. Mobilisierung: Teilen, liken, weiterleiten, an Verwandte schicken. Der Text endet als operative Handlungsanweisung. Das ist keine Information, das ist organisierte Propaganda-Verbreitung.

Zweitens: die unterschwelligen Tricks

1. „Ich möchte nicht bevorteilt oder benachteiligt werden“
Das ist ein Opferframe. Er präsentiert sich als jemand, der eigentlich nur fair behandelt werden will. Das verschleiert, dass er gleichzeitig die komplette Medienlandschaft delegitimiert.

2. „Man hat mich früher aus dem Kontext gerissen, jetzt nicht mehr“
Er malt ein diffuses Bedrohungsszenario, ohne Belege, aber mit starken Gefühlen. So erzeugt er Loyalität: Wer ihm glaubt, glaubt automatisch auch, dass alle anderen unehrlich sind.

3. „Wir holen uns unser Land zurück“
Das ist ein nationalistischer Dog Whistle. Wörtlich eine Rückeroberungsrhetorik. Dieser Satz existiert in exakt derselben Form in rechtsextremen internationalen Netzwerken. Er verkauft gesellschaftlichen Rückschritt als patriotische Pflicht.

4. „Alternative Medienlandschaft“
Das ist der Umdeutungstrick. Er meint nicht Medien. Er meint parteinahe Kanäle, Influencer und Propagandisten, die sich journalistisch inszenieren, aber keinerlei journalistische Standards erfüllen. Alles wird in einen Nebel aus Selbstbeweihräucherung und angeblicher Revolution getaucht.

5. „Menschen fallen nicht mehr auf die Lügen herein“
Das soll dich glauben lassen, du würdest zu einer erwachten, überlegenen Gruppe gehören. Klassischer Gruppenbindungs-Effekt. Wer widerspricht, gehört automatisch zu den Manipulierten.

Drittens: der emotionale Kern

Der ganze Text wirkt wie ein Motivations-Monolog eines Mannes, der seine Community wie eine Sekte anspricht.
Er arbeitet mit einem Gefühl von „Wir gegen die“, mit Überhöhung, mit Heilsversprechen.
Er sagt im Kern:

„Bleibt bei mir. Verbreitet meine Inhalte. Nur wir sagen die Wahrheit. Das System ist gegen uns. Aber wir sind im Aufstieg.“

Das ist keine politische Kommunikation.
Das ist ein Selbststärkungsmonolog, der Loyalität einfordert.

Viertens: was inhaltlich wirklich drin steckt

Unter dem Deckmantel der „Motivation“ werden folgende Grundbehauptungen gesetzt:

• Öffentlich-rechtlicher Rundfunk = Desinformation
• Presse = Systempresse
• Umerziehung = Realität
• Alternative Kanäle = wahre Journalist*innen
• Seine Auftritte = Revolution
• Sein Publikum = Avantgarde der Wahrheit
• Kritik = Unterdrückung
• Deutschland = zurückzuholen

Das ist der Bauplan jeder demokratiefeindlichen Kommunikation.

Fünftens: der entscheidende Punkt

Der Text ist gefährlich, nicht weil er schreit, sondern weil er schmeichelt.
Er lullt ein. Er macht warm. Er gibt das Gefühl von Bedeutung.
Er tarnt ideologische Agitation als Wohlfühl-Morgenpredigt.

Die Sprache wirkt freundlich, aber sie ist durchsetzt von den typischen Codes, Mustern und Manipulationstechniken einer extrem rechten Motivationsrede.

Mein Fazit:

Das Ding ist Propaganda. Weich gespült, freundlich verpackt, aber inhaltlich radikal.
Es funktioniert über Nähe, Opferrolle und die Behauptung einer „eigenen Wahrheit“.


Test in einer rechten Echokammer

Für die Auswertung wurde die Analyse bewusst unter dem Originalvideo von Ulrich Siegmund veröffentlicht. Ziel war es nicht, dort eine Diskussion zu führen, sondern das typische Reaktionsmuster einer geschlossenen rechten Kommentarzone zu erfassen. Die Antworten fielen erwartungsgemäß aus: Abwertung, Spott, Ablenkungsbehauptungen, persönliche Angriffe, Meme-Spam und keinerlei inhaltliche Auseinandersetzung.

Diese Muster bestätigen die Grundthese der Analyse. In abgeschotteten digitalen Milieus findet keine argumentbasierte Kommunikation statt. Die Gruppenlogik basiert auf emotionalem Schulterschluss, reflexhaftem Feindbildverhalten und ritualisiertem Zurückschießen. Die Kommentare standen nicht im Widerspruch zur Analyse, sondern lieferten unfreiwillig den empirischen Beleg dafür.

Damit liegen sowohl die theoretische Einordnung als auch der praktische Echokammer-Test vor. Beide Teile ergänzen sich und zeigen, wie politische Influencer und ihre Communities funktionieren und warum Aufklärung nicht innerhalb solcher Räume stattfinden kann, sondern nur von außen dokumentiert werden sollte.

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Von Karlheinz Skorwider

Karlheinz Skorwider – CEO, Autor & Redakteur Unabhängiger Medien- und Werbeberater mit über 23 Jahren Erfahrung. Beobachter politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, mit klarem Blick auf Sprache, Machtstrukturen und öffentliche Debatten. Vater von drei Kindern, schreibt an dystopischen sowie gesellschaftskritischen Romanen und arbeitet an Projekten politischer Aufklärung. Bei QuelleX verbindet er kritische Analyse mit erzählerischer Schärfe – stets auf der Suche nach Klarheit, Haltung und Perspektive jenseits der Schlagzeilen.

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