Von Hormus bis zur Straßenbahn
Europäische Energiepolitik für Jahrzehnte
Von Karlheinz Skorwider
Donald Trump verlangt von NATO-Partnern Hilfe bei der Sicherung der Straße von Hormus. Allein dieser Vorgang zeigt, worum es in Wahrheit geht: nicht nur um Außenpolitik, sondern um Abhängigkeit. Wenn ein einziger Seeweg die Ölpreise weltweit bewegen kann, dann ist nicht nur die Meerenge fragil. Dann ist das ganze fossile Modell fragil. Im Jahr 2024 liefen im Schnitt rund 20 Millionen Barrel Öl pro Tag durch Hormus. Das entsprach etwa 20 Prozent des weltweiten Verbrauchs an flüssigen Erdölprodukten. Dazu kamen 2024 rund 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels, vor allem aus Katar. Genau deshalb erzeugt schon die Drohung an dieser Engstelle Schockwellen bis in europäische Haushalte, Unternehmen und Verkehrsnetze.
Europa ist dabei nicht so abhängig wie Asien, aber weit davon entfernt, souverän zu sein. Die EU deckte 2024 noch immer 57 Prozent ihres gesamten Energiebedarfs über Nettoimporte. Bei Öl und Ölprodukten lag die Importabhängigkeit 2023 sogar bei 94,8 Prozent. Wer in einem solchen System von Versorgungssicherheit spricht, ohne über Abhängigkeit zu sprechen, beschreibt nur die halbe Wirklichkeit. Denn Versorgung ist in einer importbasierten Fossilökonomie immer auch eine Frage von Seewegen, Krisenregionen, Versicherungsprämien und militärischer Eskalation.
Die Straße von Hormus ist deshalb kein exotisches Randthema. Sie ist ein Spiegel. Sie zeigt Europa, was fossile Energie in Wahrheit bedeutet. Öl ist nicht einfach ein Rohstoff. Öl ist Logistik, Geopolitik, Erpressbarkeit. Wer Öl importiert, importiert immer auch Risiko. Die wichtigsten extra-europäischen Lieferanten für Öl und Ölprodukte waren 2024 die USA, Norwegen, Kasachstan, Saudi-Arabien, das Vereinigte Königreich und Libyen. Ein Teil dieser Lieferketten ist robust. Ein anderer Teil hängt an globalen Konflikträumen oder volatilen Transportkorridoren. Schon deshalb ist die Vorstellung, fossile Energie sei der nüchterne, ideologiefreie Weg, nicht haltbar. Sie war nie ideologiefrei. Sie war immer nur gewohnt.
Genau hier beginnt die eigentliche energiepolitische Bilanz der letzten Jahrzehnte. Europa und Deutschland haben sich nicht in diese Lage hineingestolpert. Sie haben sie politisch gebaut. Nicht in einem einzigen Kabinett, nicht durch eine einzelne Partei, aber durch eine lange Kette von Entscheidungen, in denen fossile Infrastruktur immer wieder als Normalität behandelt wurde: Gas als Brücke, Öl als Selbstverständlichkeit, Verkehr als Autobahnfrage, Versorgungssicherheit als Frage der Beschaffung statt als Frage der Unabhängigkeit. Gleichzeitig wurden Alternativen zwar nie ganz gestoppt, aber oft zu langsam, zu widersprüchlich oder zu kleinteilig ausgebaut. Das Ergebnis sieht man heute: Die EU produziert 2024 zwar bereits 47,3 Prozent ihres Stroms aus Erneuerbaren und nur noch 29,2 Prozent aus fossilen Quellen. Aber im Gesamtenergiesystem bleibt die Importabhängigkeit hoch, weil Wärme, Verkehr und Industrie noch immer stark fossil geprägt sind.
Wer also nur auf Kraftwerke schaut, greift zu kurz. Die eigentliche Frage lautet: Wo verbrauchen wir überhaupt Energie, und wie? Im Verkehr wird die Misere besonders sichtbar. In der EU verursacht der Sektor rund 25 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen. In Deutschland stammten 2023 21,7 Prozent der Treibhausgasemissionen aus dem Verkehr; 2024 gingen die Emissionen insgesamt zwar zurück, im Verkehr jedoch praktisch kaum. Das ist der Bereich, in dem Öl nicht bloß eine Strom- oder Heizfrage ist, sondern Alltagsstruktur. Autoabhängige Siedlungen, schlecht angebundene ländliche Räume, überlastete Schiene, zu wenig Bus, zu wenig Güterverkehr auf der Bahn, zu wenig sichere Radinfrastruktur. Wer an dieser Architektur nichts ändert, verlängert die Ölrechnung politisch Jahr für Jahr.
Darum gehört die Straßenbahn in denselben Artikel wie Hormus. Eine Straßenbahn ist keine Randnotiz urbaner Romantik. Sie ist Energiepolitik. Ein dichter, verlässlicher ÖPNV senkt den Ölverbrauch. Eine funktionierende Schiene senkt die Dieselabhängigkeit im Güterverkehr. Sichere Radwege verschieben Kurzstrecken aus dem Auto heraus. Elektrische Busse, Regionalbahnen und Lieferflotten koppeln Mobilität zunehmend an Strom statt an importiertes Öl. Wenn dieser Strom aus heimischen erneuerbaren Quellen kommt, sinkt nicht nur der CO₂-Ausstoß. Es sinkt auch die Verwundbarkeit gegenüber Krisen in Teheran, Riad oder an irgendeinem maritimen Nadelöhr. Dass die EU selbst formuliert, der Verkehr müsse seine Emissionen bis 2050 um 60 Prozent senken und zugleich die Abhängigkeit von importiertem Öl verringern, ist kein Nebenbefund. Es ist der Kern.
Dasselbe gilt für Gebäude und Wärme. Jede schlecht gedämmte Wohnung, jede alte Öl- oder Gasheizung, jedes Quartier ohne effiziente Wärmeplanung verlängert Importabhängigkeit. Der Satz klingt trocken, ist aber politisch brutal: Die billigste Energie ist die, die gar nicht erst gebraucht wird. Genau deshalb ist Effizienz keine Nebendisziplin. Sie ist die erste Verteidigungslinie jeder vernünftigen Wirtschaftspolitik. Die Europäische Kommission beschreibt Energieeinsparung nicht zufällig als den sichersten, saubersten und billigsten Teil der Strategie. Das ist mehr als ein grüner Wohlfühlsatz. Es ist Sicherheitslogik.
An diesem Punkt wird oft eingewandt, dass Deutschland trotzdem neue Gaskraftwerke brauche. Das stimmt teilweise. Ein Stromsystem mit viel Wind und Sonne braucht steuerbare Reserve, wenn wenig erneuerbarer Strom verfügbar ist. Genau deshalb diskutieren Bundesregierung und Branche über neue wasserstofffähige Gaskraftwerke. Aber die entscheidende Frage ist nicht, ob Reservekapazitäten grundsätzlich sinnvoll sind. Die entscheidende Frage ist: Welche Rolle bekommen sie, was kosten sie und wann kommen sie überhaupt? Das BMWK plante neue Ausschreibungen für wasserstofffähige Gaskraftwerke mit Blick auf die Versorgung bis zum Ende des Jahrzehnts, und die Bundesregierung spricht selbst davon, Gaskraftwerke erst ab 2030 in systemrelevanter Größenordnung zu integrieren. Das ist keine Antwort auf eine akute Krise morgen früh. Das ist eine Strukturentscheidung für die zweite Hälfte des Jahrzehnts.
Genau deshalb ist die Zeitachse so wichtig. Wenn neue Gaskraftwerke erst gegen Ende des Jahrzehnts systemisch wirken sollen, dann muss man ehrlich fragen, was in derselben Zeit mit Erneuerbaren, Netzen, Speichern und Effizienz möglich wäre. Die Zahlen aus Deutschland sind bemerkenswert. 2025 lag der Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix aus dem öffentlichen Netz bei 55,9 Prozent. Wind war der stärkste Nettostromerzeuger, Photovoltaik legte nochmals deutlich zu und überholte erstmals die Braunkohle. Gleichzeitig wurden 2025 in Deutschland 20,8 Gigawatt Wind an Land genehmigt. Das ist kein Beleg dafür, dass alles gut läuft. Aber es ist ein Beleg dafür, dass Ausbau möglich ist, wenn Politik ihn ernsthaft freiräumt.
Auch bei den Kosten wird das Bild klarer, sobald man nicht mit politischen Bauchgefühlen, sondern mit Stromgestehungskosten arbeitet. Fraunhofer ISE beziffert die Kosten neuer PV-Freiflächenanlagen und Onshore-Windanlagen aktuell auf etwa 4,1 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde. Für neue GuD-Gaskraftwerke liegen die Stromgestehungskosten 2024 laut derselben Studie bei etwa 10,9 bis 18,0 Cent pro Kilowattstunde, für Gasturbinen noch höher. Bei flexiblen Backup-Kraftwerken steigen die Kosten pro Kilowattstunde mit sinkenden Volllaststunden zusätzlich stark. Das heißt nüchtern: Erneuerbare sind nicht nur klimafreundlicher, sie sind im Neubau vielfach auch billiger. Gas bleibt dort wichtig, wo es um steuerbare Leistung geht. Aber als Grundmuster für die Zukunft ist es die teurere und geopolitisch riskantere Option.
Genau hier wird die alte politische Erzählung brüchig. Über Jahre wurde Klimaschutz gern als teure Zusatzmoral behandelt, während fossile Systeme als nüchterne Realität galten. In Wahrheit ist es oft umgekehrt. Fossile Energie wirkt nur deshalb kurzfristig billig, weil ein erheblicher Teil ihrer realen Kosten ausgelagert wird: in Luftverschmutzung, Hochwasserschäden, Dürre, Hitzeschäden, Ernteausfälle, Gesundheitskosten, Militärausgaben, Versicherungsprämien, Krisenreaktionen und Infrastrukturverluste. Wenn dann noch klimabedingte Migration, ökonomische Verwerfungen und Anpassungskosten hinzukommen, wird sichtbar, wie falsch die enge Preissicht war. Die Europäische Kommission hat REPowerEU deshalb ausdrücklich als Antwort auf zwei Krisen beschrieben: auf die geopolitische Erpressbarkeit durch fossile Importe und auf die Klimakrise. Das gehört zusammen.
Darum reicht es auch nicht, einfach nur mehr Strom aus Wind und Sonne zu erzeugen. Eine vernünftige Wirtschaftspolitik für die nächsten Jahrzehnte muss das ganze System neu ordnen. Sie braucht erstens einen schnelleren Ausbau von Wind und Solar, weil jede zusätzliche heimische Kilowattstunde Abhängigkeit reduziert. Sie braucht zweitens Netze, Speicher und Lastmanagement, damit erneuerbarer Strom dann genutzt werden kann, wenn er gebraucht wird. Sie braucht drittens eine industrielle Strategie für Wärmepumpen, Batterien, Netzinfrastruktur, Elektrolyseure und Recycling, damit aus der Abkehr von alten Abhängigkeiten nicht sofort neue werden. Und sie braucht viertens eine echte Verkehrswende: mehr Schiene, mehr Bus, mehr Tram, mehr Güter auf die Bahn, mehr sichere Radnetze, weniger Zwang zum privaten Verbrenner. Die EU selbst beschreibt saubere Energie, Effizienz und Diversifizierung als die drei Säulen ihrer Unabhängigkeitsstrategie. Das ist kein grüner Überbau. Das ist staatliche Vorsorge.
Aus deutscher Sicht kommt ein weiterer Punkt hinzu. Die politische Debatte wird häufig so geführt, als müsse man sich zwischen bezahlbarer Energie und Klimaschutz entscheiden. Diese Gegenüberstellung war schon vor der aktuellen Eskalation im Nahen Osten schief. Sie wird jetzt vollends unhaltbar. Wenn schon eine Krise an einer Meerenge ausreicht, um weltweit Preisrisiken auszulösen, dann ist der Ausbau heimischer erneuerbarer Energien kein Luxusprojekt. Er ist Preisstabilisierung. Er ist Industriepolitik. Er ist strategische Vorsorge. Und ja, er braucht Flächen, Netze, schnellere Verfahren und Konfliktfähigkeit. Aber das Gegenmodell ist nicht konfliktfrei. Das Gegenmodell heißt nur: Konflikte anderswo, Preise hier, Abhängigkeit auf Dauer.
Wer diese Lage ernst nimmt, landet fast zwangsläufig bei einer anderen Ordnung der Prioritäten. Nicht erst die Gaskraftwerke, dann irgendwann die Transformation. Sondern zuerst das, was auf Dauer billig, heimisch und sauber ist. Wind, Sonne, Netze, Speicher, Wärmewende, Schiene, ÖPNV, Gebäudeeffizienz. Dazu als Absicherung ein begrenzter, klar definierter Bestand an flexiblen Kraftwerken, der das System stabilisiert, ohne den fossilen Lock-in der nächsten Jahrzehnte zu zementieren. Denn das eigentliche Ziel ist nicht, eine fossile Gegenwart etwas eleganter zu verwalten. Das Ziel ist, aus ihr herauszukommen.
Die Straße von Hormus zeigt gerade in aller Härte, was auf dem Spiel steht. Europa kann diese Meerenge militärisch beobachten, diplomatisch bewerten oder wirtschaftlich fürchten. Aber es kann vor allem eines tun: seine eigene Verwundbarkeit senken. Zwischen Hormus und der Straßenbahn liegt deshalb keine thematische Strecke, sondern dieselbe Frage in zwei Formen. Dort geht es um Tanker. Hier geht es um Alltag. Dort um Öl. Hier um Mobilität, Wärme, Strom und Industrie. Dort um die nächste Krise. Hier um die Entscheidung, ob wir auch die übernächste noch importieren wollen.
Quellenverzeichnis
- U.S. Energy Information Administration, Daten zur Straße von Hormus und globalen Öl- und LNG-Strömen. (Energieinformationen der USA)
- Eurostat, Energie in Europa 2026, Importabhängigkeit der EU und Herkunft von Ölimporten. (European Commission)
- Eurostat, Energieproduktion und Strommix in der EU 2024. (European Commission)
- Europäische Kommission, REPowerEU und Ausstieg aus fossilen Abhängigkeiten. (Enlargement and Eastern Neighbourhood)
- Eurostat, Kennzahlen zum europäischen Verkehr. (European Commission)
- Umweltbundesamt, Emissionen des Verkehrs in Deutschland und Zielverfehlung bis 2030. (Umweltbundesamt)
- Bundesnetzagentur, Ausbau Erneuerbarer Energien 2025 und Strommarktdaten 2025. (Bundesnetzagentur)
- Fraunhofer ISE, Öffentliche Stromerzeugung 2025. (Fraunhofer ISE)
- Fraunhofer ISE, Studie zu Stromgestehungskosten erneuerbarer Energien und flexibler Kraftwerke. (Fraunhofer ISE)
- BMWK und Deutscher Bundestag, Kraftwerksstrategie und neue wasserstofffähige Gaskraftwerke. (BMWi)
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