Monatelang hieß es: Ihr übertreibt. Jetzt reden sie selbst.

Vielleicht können wir nach diesem Wahlkampf wenigstens mit einem Märchen aufräumen: mit der Behauptung, Kritiker würden die AfD und ihren Begriff der „Remigration“ absichtlich falsch verstehen, maßlos übertreiben oder aus einer gewöhnlichen Forderung nach konsequenteren Abschiebungen ein Schreckgespenst konstruieren.

Genau diese Geschichte wurde uns monatelang erzählt. Es gehe nicht um alle Migranten. Nicht um diejenigen, die sich integriert haben, arbeiten, Steuern zahlen und längst Teil dieser Gesellschaft sind. Gemeint seien Menschen ohne Aufenthaltsrecht, Straftäter, Messerstecher, Vergewaltiger und diejenigen, die angeblich unseren Sozialstaat ausnutzen.

Wer darauf hinwies, dass „Remigration“ innerhalb der extremen Rechten erheblich weiter verstanden wird, musste sich regelmäßig anhören, er betreibe Panikmache.

Ulrich Siegmund selbst hat die beruhigende Version öffentlich vertreten. Im Landtag erklärte er:

„Es geht nicht um Menschen, die sich integriert haben. Es geht nicht um Menschen, die mit anpacken. Es geht nicht um Menschen, die Wertschöpfung betreiben.“

Gemeint seien vielmehr Illegale, Straffällige und Menschen, die gegen unsere Rechtsordnung verstießen.

Auch AfD-Bundeschef Tino Chrupalla bediente diese Argumentation noch kurz vor der Landtagswahl. Im ARD-Sommerinterview erklärte er: „Gut integrierte Menschen sind herzlich willkommen.“ Menschen mit deutschem Pass wolle man ebenfalls nicht abschieben.

Die Botschaft war eindeutig: Ihr versteht „Remigration“ falsch. Wer integriert ist, arbeitet und sich an die Regeln hält, hat nichts zu befürchten.

Das war die Verpackung vor der Wahl.


Dann kam der 10. September

Nur wenige Tage nach der Landtagswahl sitzt Ulrich Siegmund bei einer Pressekonferenz im Magdeburger Landtag und wird nach Rüstungsproduktion gefragt.

Seine Antwort:

„Wir verteufeln nicht pauschal die Produktion von Rüstungsgütern, weil wir bei späteren Remigrations- und Abschiebeoffensiven natürlich auch entsprechende Hilfsmittel brauchen.“

Anschließend nennt Siegmund auch innere Sicherheit, Stabilität und Landesverteidigung. Das gehört zum Kontext. Es ändert aber nichts daran, dass er selbst in seiner Begründung die Produktion von Rüstungsgütern mit „Remigrations- und Abschiebeoffensiven“ und dafür benötigten „Hilfsmitteln“ verbindet.

Niemand hat ihm diese Worte in den Mund gelegt. Niemand muss sie zuspitzen oder umdeuten.

Man muss sie lediglich ernst nehmen.

Und dann entsteht ein gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem.

Denn wenn die Beschwichtigungen der vergangenen Monate stimmen, wenn es tatsächlich im Wesentlichen um ausreisepflichtige Straftäter, Gewalttäter und Menschen ohne Bleiberecht geht, dann stellt sich eine ausgesprochen einfache Frage:

Was genau braucht Ulrich Siegmund dafür aus dem Bereich der Rüstungsproduktion?

Deutschland schiebt bereits heute Menschen ab. Dafür existiert ein staatlicher Apparat. Ausländerbehörden, Polizei, Bundespolizei und Justiz sind dafür zuständig. Menschen werden zu Flughäfen gebracht und mit Flugzeugen außer Landes gebracht. Wo Zwang erforderlich und rechtlich zulässig ist, stehen den zuständigen Behörden die dafür vorgesehenen polizeilichen Mittel zur Verfügung.

Was also fehlt?

Welche „Hilfsmittel“ meint Siegmund? Für welche Situationen sollen sie benötigt werden? Und warum fällt ihm bei einer Frage zur Produktion von Rüstungsgütern ausgerechnet seine geplante „Remigrations- und Abschiebeoffensive“ ein?

Das ist keine Unterstellung. Es ist die naheliegende Frage, die aus seiner eigenen Antwort entsteht.


Und dann schaut man in die Kommentarspalten

Dort wird die Sache noch aufschlussreicher.

Denn plötzlich ist erstaunlich wenig von der jahrelangen Verteidigung zu lesen, es gehe doch lediglich um eine überschaubare Gruppe von Straftätern und Ausreisepflichtigen. Da wird vom „Wegschaffen“ gesprochen. Auf die Frage nach Transportmitteln antwortet jemand: „Züge, viele Züge.“ Andere schreiben, man müsse eben „alle“ außer Landes bringen.

Natürlich spricht irgendein Facebook-Kommentator nicht offiziell für die AfD. Seine Aussagen lassen sich auch nicht Ulrich Siegmund persönlich zurechnen.

Aber sie zeigen etwas anderes, das politisch mindestens genauso relevant ist: wie Teile der eigenen Anhängerschaft den Begriff „Remigration“ inzwischen verstehen.

Während Funktionäre öffentlich versicherten, gut integrierte Migranten seien selbstverständlich nicht gemeint, wurde gleichzeitig über Jahre ein Begriff normalisiert, den Teile der eigenen Gefolgschaft offenbar wesentlich weiter auslegen. Dort geht es plötzlich nicht mehr um den einzelnen ausreisepflichtigen Straftäter. Dort geht es um „alle“, ums „Wegschaffen“ und um „viele Züge“.

Und irgendwann darf man die Frage stellen, warum eigentlich immer diejenigen ihre Warnungen rechtfertigen sollen, die auf diese Radikalisierung hingewiesen haben.


Die Grenze wurde Stück für Stück verschoben

Genau darin liegt das eigentliche Problem.

Politische Radikalisierung funktioniert nicht zwingend dadurch, dass jemand morgens aufsteht und der Öffentlichkeit sein maximalistisches Programm präsentiert. Grenzen können schrittweise verschoben werden.

Ein Begriff wird eingeführt, anschließend relativiert und irgendwann normalisiert. Was gestern noch angeblich eine böswillige Interpretation politischer Gegner war, wird morgen Bestandteil des eigenen politischen Vokabulars.

„Remigration“ ist dafür inzwischen ein Lehrbuchbeispiel.

Zunächst wurde der Begriff kleingeredet. Danach wurde versichert, selbstverständlich seien nur bestimmte Gruppen gemeint. Inzwischen fordert die AfD Sachsen-Anhalt ausdrücklich eine „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“. Und wenige Tage nach der Wahl erklärt ihr Spitzenmann bei einer Frage zur Rüstungsproduktion, dass man für spätere „Remigrations- und Abschiebeoffensiven“ entsprechende „Hilfsmittel“ benötige.

Man kann aber nicht seine politische Sprache immer weiter verschärfen und gleichzeitig von allen anderen verlangen, diese Sprache grundsätzlich in ihrer harmlosesten denkbaren Variante auszulegen.

Irgendwann ist damit Schluss.


Was gilt jetzt noch vom Wahlkampf?

Genau das müssen Siegmund und seine Partei beantworten.

Gilt weiterhin seine Aussage, dass integrierte Menschen, die arbeiten und Wertschöpfung betreiben, nicht gemeint sind?

Gilt weiterhin Chrupallas Versicherung, gut integrierte Menschen seien „herzlich willkommen“?

Wenn ja, dann dürfte es nicht besonders schwierig sein, präzise zu erklären, wer Gegenstand der angekündigten „Remigrations- und Abschiebeoffensive“ sein soll und welche „Hilfsmittel“ Siegmund dafür benötigt.

Ulrich Siegmund ist kein politischer Anfänger. Er ist ein erfahrener Kommunikator, dessen Wahlkampf stark von Sprache, Inszenierung und emotionalen Botschaften geprägt war. Deshalb sehe ich keinen Grund, seine eigenen Formulierungen nachträglich für ihn abzuschwächen.

Wenn ein solcher Politiker bei einer Frage zur Produktion von Rüstungsgütern von „Remigrations- und Abschiebeoffensiven“ und dafür benötigten „Hilfsmitteln“ spricht, sollten wir ihn beim Wort nehmen.


Vielleicht war genau das unser Fehler

Bei jeder neuen Grenzverschiebung haben wir viel zu häufig darüber diskutiert, warum das Gesagte wahrscheinlich gar nicht so gemeint sein könne. Es wurde relativiert, interpretiert und beruhigt. Und diejenigen, die frühzeitig auf die Richtung dieser Entwicklung hingewiesen haben, mussten sich anhören, sie würden dramatisieren.

Dieses Spiel sollten wir nicht länger mitspielen.

Wenn führende Politiker eines als gesichert rechtsextremistisch eingestuften Landesverbandes ihre politischen Vorstellungen formulieren, sollten wir zuhören. Wenn sich ihre Sprache verschärft, sollten wir das benennen. Und wenn Teile ihrer eigenen Anhängerschaft anschließend offen formulieren, was sie unter Begriffen wie „Remigration“ verstehen, sollten wir auch das nicht ignorieren.

Es ist nicht Aufgabe der Öffentlichkeit, Ulrich Siegmunds Aussagen für ihn möglichst harmlos auszulegen.

Es ist seine Aufgabe, sie zu erklären.

Denn genau darum geht es inzwischen: nicht mehr darum, was Kritiker angeblich hineininterpretieren, sondern darum, was tatsächlich ausgesprochen wird.

Monatelang wurde versichert, gut integrierte Menschen seien nicht gemeint. Es gehe um Kriminelle, Ausreisepflichtige und Menschen, die unser System missbrauchten. Wer vor weitergehenden Vorstellungen warnte, galt als hysterisch, voreingenommen oder als jemand, der die AfD bewusst falsch verstehen wollte.

Jetzt haben wir einen Spitzenkandidaten, der wenige Tage nach der Wahl bei einer Frage zur Rüstungsproduktion selbst von „Remigrations- und Abschiebeoffensiven“ und dafür benötigten „Hilfsmitteln“ spricht. Gleichzeitig erleben wir eine Anhängerschaft, in deren Kommentarspalten Teile der zuvor gepflegten Zurückhaltung vollständig verschwinden.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, ständig nach der freundlichsten denkbaren Interpretation solcher Aussagen zu suchen.

Politiker müssen sich an ihren eigenen Worten messen lassen. Ganz besonders Politiker, die sehr genau wissen, wie politische Kommunikation funktioniert und welche Wirkung Begriffe entfalten.

Ulrich Siegmund wollte mit dem Begriff „Remigration“ Wahlkampf machen.

Er wollte eine „Remigrations- und Abschiebeoffensive“.

Und nun hat er selbst die Frage aufgeworfen, welche Rolle „Hilfsmittel“ aus dem Kontext der Rüstungsproduktion dabei spielen sollen.

Dann soll er diese Frage auch beantworten.

Welche „Hilfsmittel“ aus dem Bereich der Rüstungsproduktion brauchen Sie für Ihre „Remigrations- und Abschiebeoffensive“, Herr Siegmund?

Nach Monaten, in denen uns erzählt wurde, jede Warnung vor einer weitergehenden Bedeutung von „Remigration“ sei nichts als Übertreibung und Panikmache, hat die Öffentlichkeit ein verdammtes Recht auf eine konkrete Antwort.


Quellenregister

  1. Landtag Sachsen-Anhalt: Ulrich Siegmund über „Remigration“
    Offizielles Plenarprotokoll des Landtags Sachsen-Anhalt. Siegmund erklärt, es gehe nicht um integrierte Menschen, Menschen, die „mit anpacken“, oder Menschen, die „Wertschöpfung betreiben“, sondern unter anderem um Illegale und Straffällige.
  2. ARD-Faktenfinder: Tino Chrupallas Sommerinterview, 23. August 2026
    Chrupalla erklärt: „Gut integrierte Menschen sind herzlich willkommen“ und sagt, insbesondere Menschen mit deutschem Pass wolle man nicht abschieben. Der Faktencheck ordnet diese Aussagen im Verhältnis zu anderen AfD-Positionen ein.
  3. BR24: Chrupallas Aussagen zur Migration im Faktencheck
    Überprüfung der Aussagen Chrupallas über integrierte Migranten und Einordnung anhand weiterer Positionen innerhalb der AfD sowie des Wahlprogramms der AfD Sachsen-Anhalt.
  4. n-tv, 10. September 2026: Ulrich Siegmund über Rüstungsgüter und „Remigration“
    Videobericht der Pressekonferenz in Magdeburg. Dokumentiert Siegmunds Aussage über die Produktion von Rüstungsgütern und „entsprechende Hilfsmittel“ für spätere „Remigrations- und Abschiebeoffensiven“.
  5. WELT/dpa, 11. September 2026: Reaktionen auf Siegmunds Rüstungsaussage
    Bericht über die Äußerung und die anschließende politische Debatte. Enthält auch den weiteren Kontext seiner Aussage zu innerer Sicherheit, Stabilität und Landesverteidigung.
  6. n-tv: AfD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt und „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“
    Bericht über Siegmunds Wahlkampf und die Forderung der AfD Sachsen-Anhalt nach einer „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“.
  7. Süddeutsche Zeitung/dpa, 2. September 2026: Faktencheck zum TV-Duell Ulrich Siegmund gegen Sven Schulze
    Überprüfung verschiedener Aussagen Siegmunds im Wahlkampf, unter anderem zu Migration, Abschiebungen und Kriminalität.
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Von Karlheinz Skorwider

Karlheinz Skorwider – CEO, Autor & Redakteur Unabhängiger Medien- und Werbeberater mit über 23 Jahren Erfahrung. Beobachter politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, mit klarem Blick auf Sprache, Machtstrukturen und öffentliche Debatten. Vater von drei Kindern, schreibt an dystopischen sowie gesellschaftskritischen Romanen und arbeitet an Projekten politischer Aufklärung. Bei QuelleX verbindet er kritische Analyse mit erzählerischer Schärfe – stets auf der Suche nach Klarheit, Haltung und Perspektive jenseits der Schlagzeilen.

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