Von Karlheinz Skorwider | QuelleX
Wer regelmäßig mit AfD-Anhängern diskutiert, kennt das Spiel. Kaum wird über Migration, Energie, Klima oder Kriminalität gesprochen, taucht früher oder später derselbe Link auf.
Deutschland-Kurier.
Für viele Anhänger der AfD ist das Portal längst zu einer Art Gegenöffentlichkeit geworden. Während ARD, ZDF, Spiegel, Zeit oder FAZ pauschal als “Lügenpresse” oder “Systemmedien” abgewertet werden, gilt der Deutschland-Kurier als angeblich verlässliche Alternative.
Aber wie seriös ist diese Quelle tatsächlich?
Ich habe mir nicht nur einzelne Artikel angesehen. Ich habe die Redaktion analysiert, das Impressum, die Unternehmensstruktur, die Autoren, die Handelsregistereinträge und mehrere Dutzend veröffentlichte Beiträge ausgewertet.
Das Ergebnis ist bemerkenswert.
Journalismus oder politische Kommunikation?
Herausgeber ist die Conservare Communication GmbH aus Hamburg. Geschäftsführer und Chefredakteur ist David Bendels.
Ein Blick in den Unternehmensgegenstand zeigt, womit sich die Firma selbst beschäftigt:
- politische Kommunikation
- Politikberatung
- politisches Marketing
- strategische Kommunikation
- Publizistik
Das bedeutet nicht automatisch, dass veröffentlichte Inhalte falsch sind.
Es zeigt aber, dass politische Kommunikation ausdrücklich Teil des Geschäftsmodells ist. Diese Information ist wichtig, wenn man beurteilen möchte, welche Rolle das Medium im politischen Diskurs einnimmt.
Die Wurzeln
Der Deutschland-Kurier entstand ursprünglich aus dem Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten.
Dieser Verein wurde bundesweit durch millionenschwere Wahlkampfhilfen zugunsten der AfD bekannt. Er finanzierte Wahlzeitungen, Plakatkampagnen, Anzeigen und Werbemaßnahmen in großem Umfang.
Die personellen Überschneidungen sind dokumentiert und öffentlich nachvollziehbar.
Wer schreibt dort?
Ein Blick auf die Redaktionsseite zeigt zahlreiche Autoren mit direkter oder früherer Verbindung zur AfD oder ihrem politischen Umfeld.
Darunter finden sich ehemalige Mitarbeiter von AfD-Fraktionen, frühere AfD-Mitarbeiter im Europäischen Parlament, AfD-Mitglieder, konservative Aktivisten und Politiker aus dem rechtskonservativen Spektrum.
Das macht niemanden automatisch zu einem schlechten Autor.
Es zeigt jedoch, dass der Deutschland-Kurier personell nicht die Distanz zu politischen Akteuren wahrt, die viele Leser von einem unabhängigen Nachrichtenmedium erwarten.
Die Sprache
Für diesen Artikel habe ich mehr als fünfzig veröffentlichte Beiträge analysiert.
Dabei fiel auf, dass sich bestimmte Muster ständig wiederholen.
Überschriften arbeiten häufig mit Begriffen wie:
- Chaos
- Kontrollverlust
- Invasion
- Skandal
- Schicksalswahl
- Zensur
- Totalversager
- Merz muss weg
Politische Gegner erscheinen oft mit abwertenden Bezeichnungen oder werden über Karikaturen, Clownsnasen oder Pinocchio-Darstellungen inszeniert.
Die AfD dagegen wird fast durchgehend positiv dargestellt.
Neutralität ist offensichtlich nicht das Ziel.
Nachricht und Meinung verschwimmen
Seriöser Journalismus trennt normalerweise sauber zwischen Nachricht und Kommentar.
Beim Deutschland-Kurier verschwimmen diese Grenzen häufig.
Schon die Überschrift liefert oft die politische Bewertung, bevor der eigentliche Sachverhalt überhaupt erklärt wird.
Der Leser erhält also nicht zuerst Informationen und bildet sich anschließend eine Meinung.
Die Meinung wird häufig bereits mitgeliefert.
Ein geschlossenes Informationssystem
Besonders auffällig war etwas anderes.
Der Deutschland-Kurier verweist regelmäßig auf AfD-Politiker.
AfD-Politiker teilen regelmäßig Inhalte des Deutschland-Kuriers.
Gastautoren stammen häufig aus demselben politischen Umfeld.
Eigene Kampagnen werden über dieselben Netzwerke verbreitet.
Dazu kommen Merchandise, Hashtags und Kampagnenmotive.
Es entsteht ein Informationskreislauf, in dem dieselben Botschaften aus unterschiedlichen Richtungen immer wieder bestätigt werden.
Kommunikationswissenschaftler sprechen bei solchen Strukturen von Echokammern.
Das bedeutet nicht, dass jede dort verbreitete Information falsch ist.
Es bedeutet aber, dass Menschen überwiegend Informationen erhalten, die ihre bereits vorhandene Überzeugung bestätigen.
Warum greift die AfD ständig die öffentlich-rechtlichen Medien an?
Natürlich machen ARD, ZDF oder andere Medien Fehler.
Fehler müssen benannt und kritisiert werden.
Das gilt für jedes Medium.
Etwas völlig anderes ist jedoch die pauschale Behauptung, nahezu alle etablierten Medien seien grundsätzlich unglaubwürdig.
Denn wenn Menschen irgendwann glauben, dass nur noch parteinahe Medien vertrauenswürdig seien, verändert sich ihr Informationsverhalten.
Dann werden andere Quellen nicht mehr geprüft.
Sie werden gar nicht mehr gelesen.
Genau an diesem Punkt beginnt ein Problem für jede demokratische Gesellschaft.
Demokratie lebt nicht davon, dass alle dieselbe Meinung haben.
Sie lebt davon, dass unterschiedliche Informationen miteinander verglichen werden können.
Meine persönliche Einschätzung
Ich sehe genau hier die eigentliche Gefahr.
Nicht im Deutschland-Kurier allein.
Nicht in der AfD allein.
Sondern in einer Entwicklung, in der Menschen sich nur noch innerhalb ihrer eigenen politischen Informationswelt bewegen.
Wer ausschließlich linke Medien liest, verliert den Blick für konservative Argumente.
Wer ausschließlich rechte Medien liest, verliert den Blick für andere Perspektiven.
Beides führt zu einer Verengung des Denkens.
Der Unterschied besteht allerdings darin, dass der Deutschland-Kurier nach seiner eigenen Struktur, seinen personellen Verbindungen und seiner redaktionellen Ausrichtung keine klassische unabhängige Nachrichtenredaktion ist, sondern ein Medium mit deutlicher politischer Positionierung.
Gerade deshalb sollte niemand seine politische Meinungsbildung auf eine einzige Quelle stützen.
Mein Fazit
Der Deutschland-Kurier hat jedes Recht, seine politische Haltung zu vertreten.
Meinungsjournalismus gehört zu einer freien Demokratie.
Aber genau deshalb sollte er auch als das wahrgenommen werden, was er ist: ein politisch positioniertes Medium mit enger personeller Nähe zum AfD-Umfeld und einem Geschäftsmodell, das ausdrücklich auch politische Kommunikation und politisches Marketing umfasst.
Wer daraus zitiert, sollte das offen sagen.
Und wer den Deutschland-Kurier als Beleg nutzt, sollte sich immer dieselbe Frage gefallen lassen:
Gibt es für diese Behauptung auch eine unabhängige Primärquelle?
Denn gute Quellen erkennt man nicht daran, dass sie die eigene Meinung bestätigen.
Gute Quellen erkennt man daran, dass ihre Aussagen einer Überprüfung standhalten.
Quellenregister
Primärquellen
- Deutschland-Kurier
Impressum, Redaktion, Kontakt und veröffentlichte Beiträge.
https://deutschlandkurier.de - Conservare Communication GmbH
Handelsregister, Unternehmensgegenstand, Jahresabschlüsse, Markenanmeldungen.
Handelsregister Hamburg (HRB 153682)
North Data - Deutsches Patent- und Markenamt (DPMA)
Markenanmeldungen „Deutschland Kurier“. - Vereinsregister
Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten e. V.
Historische Registereinträge und veröffentlichte Vereinsdaten.
Medien und Recherchen
- Correctiv
Recherchen zur Finanzierung rechter Kampagnen und zum Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten. - Der Spiegel
- Süddeutsche Zeitung
- Frankfurter Allgemeine Zeitung
- Die Zeit
- Tagesspiegel
- NDR
- ZDF Frontal
- ARD Monitor
- Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
Informationen zu Desinformation, Propaganda, politischer Kommunikation und Medienkompetenz.
Wissenschaftliche Literatur
- Universität Mainz
Forschung zu Medienvertrauen und Nachrichtenrezeption. - Reuters Institute for the Study of Journalism (Oxford University)
Digital News Report. - European Digital Media Observatory (EDMO)
Forschung zu Desinformation und digitalen Echokammern. - Bundeszentrale für politische Bildung
Echokammern, Filterblasen und politische Meinungsbildung. - Bundesministerium des Innern
Informationen zu Desinformation und hybrider Einflussnahme. - Verfassungsschutzberichte des Bundes
Veröffentlichungen zu rechtsextremistischen Kommunikationsstrategien.
Psychologie und Kommunikationswissenschaft
- Cass R. Sunstein
#Republic – Divided Democracy in the Age of Social Media. - Eli Pariser
The Filter Bubble. - Daniel Kahneman
Schnelles Denken, langsames Denken. - Gordon Pennycook & David Rand
Studien zur Verbreitung von Desinformation und kognitiven Verzerrungen. - Lewandowsky, Ecker, Cook u. a.
Forschung zu Desinformation, Verschwörungserzählungen und Faktenresistenz.
Hinweis zur Methodik
Dieser Beitrag bewertet nicht die politische Meinung einzelner Autoren oder Leser. Analysiert werden Eigentümerstruktur, Finanzierung, publizistische Ausrichtung, Quellenarbeit, sprachliche Muster sowie Erkenntnisse der Kommunikations- und Medienwissenschaft. Grundlage sind öffentlich zugängliche Dokumente, Registereinträge, wissenschaftliche Literatur und veröffentlichte Medienrecherchen.
