240.000 Euro, eine Adresse und ein Netzwerk: Die Spur von einem früheren CDU-Finanzsenator bis zu Martin Sellners neuem Institut
Peter Kurth war Berliner CDU-Finanzsenator und CDU-Kandidat für das Amt des Kölner Oberbürgermeisters. Jahre später überwies er nach Medienrecherchen insgesamt rund 240.000 Euro in Strukturen aus dem Umfeld der Identitären Bewegung. Eine dieser Geldspuren führt nach Chemnitz. Heute hat dort Martin Sellners neu gegründetes „Institut für Remigration“ seine Geschäftsanschrift. Doch die Geschichte endet nicht in Chemnitz. Sie führt weiter nach Sachsen-Anhalt und zu Ulrich Siegmund.
Manchmal beginnt eine politische Recherche mit einer unscheinbaren Adresse.
Edisonstraße 2, 09116 Chemnitz.
Wer das Gebäude auf Straßenaufnahmen betrachtet, sieht zunächst ein gewöhnliches Mehrfamilienhaus. Im Erdgeschoss befindet sich eine Gewerbefläche. Nichts deutet von außen darauf hin, welche politischen und wirtschaftlichen Verbindungen an dieser Adresse zusammenlaufen.
Doch genau hier befindet sich heute die Geschäftsanschrift einer Gesellschaft mit einem bemerkenswerten Namen:
Institut für Remigration Martin Sellner (NGO) UG (haftungsbeschränkt).
Geschäftsführer ist Martin Sellner. Das Stammkapital beträgt 2.000 Euro. Der Gesellschaftsvertrag stammt vom 20. Mai 2026, die Eintragung ins Handelsregister erfolgte am 31. August 2026.
Bemerkenswert ist die Konstruktion: Der gesellschaftsrechtliche Sitz der UG befindet sich nicht in Chemnitz, sondern in Magdeburg. Als konkrete Geschäftsanschrift ist dagegen die Edisonstraße 2 in Chemnitz eingetragen. Zuständiges Registergericht ist das Amtsgericht Stendal.
Stendal ist dabei zunächst schlicht das Registergericht. Interessant wird die Geschichte nicht durch das Gericht, sondern durch das Zusammenspiel von Chemnitz und Sachsen-Anhalt.
Denn die Edisonstraße 2 hat eine Vorgeschichte.
Eine Immobilie aus dem Umfeld der Identitären Bewegung
Bereits 2023 berichtete ZEIT ONLINE ausführlich über ein neues Projekt der Identitären Bewegung in Chemnitz.
Dabei ging es nicht um das gesamte Mehrfamilienhaus. Entscheidend war eine Gewerbefläche im Erdgeschoss mit angeschlossenen Hinterräumen.
Nach der damaligen Recherche wurde diese Einheit von einer Immobiliengesellschaft erworben, hinter der Philip Thaler und Vincenzo Richter standen. Beide wurden der Identitären Bewegung zugerechnet. Thaler galt damals als Deutschlandchef der Organisation.
Ende 2023 wurde dort das sogenannte Zentrum Chemnitz eröffnet.
Bei der Eröffnung waren nach der ZEIT-Recherche mehr als 50 Personen anwesend. Unter ihnen befand sich auch der damalige AfD-Bundestagsabgeordnete Roger Beckamp.
Doch nicht nur das Zentrum führt an diese Adresse.
Im Umfeld der Edisonstraße tauchen mehrere Unternehmen und Organisationen auf, die mit der Identitären Bewegung oder deren politischem Umfeld verbunden werden. Dazu gehören unter anderem Namen wie GegenUni, Okzident Media, Kohorte und Schanze Eins.
Einige dieser Strukturen sind nicht lediglich durch Medienberichte miteinander verbunden. Das Bundesamt für Verfassungsschutz führte bereits in seinem Verfassungsschutzbericht 2022 unter anderem Okzident Media, Schanze Eins und Kohorte im Zusammenhang mit der Identitären Bewegung auf.
Und dann führt eine Geldspur direkt in dieses Immobilienumfeld.
Peter Kurth: vom CDU-Finanzsenator zum Geldgeber
Der Name Peter Kurth dürfte vielen heute kaum noch etwas sagen.
Dabei war Kurth einmal ein durchaus prominenter CDU-Politiker.
Von 1999 bis 2001 war er Finanzsenator des Landes Berlin. Anschließend wechselte er in die Wirtschaft und wurde unter anderem Vorstand beim Entsorgungsunternehmen ALBA. Später stand er viele Jahre an der Spitze des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft.
2009 schickte ihn die CDU sogar als Kandidaten in die Wahl um das Amt des Oberbürgermeisters von Köln. Kurth erreichte dort 33,25 Prozent.
Er war also kein politischer Hinterbänkler, sondern Finanzsenator der deutschen Hauptstadt und Oberbürgermeisterkandidat der CDU in einer Millionenstadt.
Jahre später taucht sein Name in Recherchen über die Finanzierung von Immobilienprojekten der Identitären Bewegung auf.
Und dabei geht es nicht um Kleingeld.
120.000 Euro, 50.000 Euro, 70.000 Euro
2019 überwies Peter Kurth nach Recherchen des ARD-Magazins MONITOR 120.000 Euro an eine Firma namens Schanze Eins.
MONITOR konnte die Überweisung anhand eines Kontoauszuges nachvollziehen. Im Verwendungszweck stand ausdrücklich „Schanze Eins UG & Co. KG“.
Der Verfassungsschutz rechnete diese Gesellschaft der Identitären Bewegung zu. Nach den Recherchen diente sie dazu, Kapital für Immobilienprojekte zu organisieren.
Kurth war damals noch Mitglied der CDU.
Doch bei dieser Zahlung blieb es nicht.
Gemeinsame Recherchen von Spiegel und MDR brachten später zwei weitere Geldflüsse ans Licht.
Am 5. August 2020 soll Kurth weitere rund 50.000 Euro an eine Firma aus diesem politischen Umfeld überwiesen haben. Diese Struktur spielte später auch bei einem Immobilienprojekt in Schkopau in Sachsen-Anhalt eine Rolle.
Und dann kam der 27. Oktober 2022.
An diesem Tag überwies Kurth nach den Recherchen rund 70.000 Euro an ein Immobilienunternehmen von Philip Thaler, dem damaligen Deutschlandchef der Identitären Bewegung.
Das Geld soll zur Realisierung eines neuen Treffpunkts der Identitären Bewegung in Chemnitz beigetragen haben.
Ende 2023 öffnete dort das neue Zentrum.
Damit ergibt sich eine bemerkenswerte Rechnung:
120.000 Euro im Jahr 2019.
50.000 Euro im Jahr 2020.
70.000 Euro im Jahr 2022.
Zusammen:
rund 240.000 Euro.
Nach den Medienrecherchen standen diese Gelder im Zusammenhang mit Immobilienprojekten der Identitären Bewegung in Österreich, Sachsen und Sachsen-Anhalt.
Und plötzlich sind wir wieder in der Edisonstraße
Genau an dieser Stelle laufen zwei zunächst getrennt wirkende Geschichten zusammen.
Auf der einen Seite haben wir Peter Kurth, den ehemaligen Berliner CDU-Finanzsenator, der zwischen 2019 und 2022 insgesamt rund 240.000 Euro an Firmen beziehungsweise Strukturen aus dem Umfeld der Identitären Bewegung überwiesen haben soll.
Eine Zahlung über rund 70.000 Euro führt nach den Recherchen zum Immobilienprojekt in Chemnitz.
Auf der anderen Seite haben wir die Edisonstraße 2, wo sich dieses politische Umfeld anschließend fest etablierte.
Und heute findet sich dort die Geschäftsanschrift von Martin Sellners neuem „Institut für Remigration“.
Das allein wäre bereits eine bemerkenswerte Entwicklung.
Doch dann kommt Sachsen-Anhalt ins Spiel.
Warum Magdeburg?
Sellners Institut befindet sich geschäftlich in Chemnitz.
Seinen gesellschaftsrechtlichen Sitz hat die UG jedoch in Magdeburg.
Warum diese Konstruktion gewählt wurde, lässt sich aus dem Handelsregister nicht ablesen.
Politisch beschäftigt sich Sellner jedoch intensiv mit Sachsen-Anhalt. Sein Institut veröffentlichte 2026 ein Konzept unter dem Titel „Landesremigration Sachsen-Anhalt“.
Und Sachsen-Anhalt führt unmittelbar zu einem weiteren Namen:
Ulrich Siegmund.
Siegmund ist eine zentrale Figur der AfD Sachsen-Anhalt und hat selbst einen engen Bezug zum Landkreis Stendal.
Noch wichtiger für diese Recherche ist allerdings seine bereits dokumentierte Begegnung mit Martin Sellner.
Sellner und Siegmund in Potsdam
Beim bekannten Potsdamer Treffen Ende 2023 waren sowohl Martin Sellner als auch Ulrich Siegmund anwesend.
Sellner stellte dort sein Konzept der „Remigration“ vor.
Siegmund hielt anschließend einen eigenen Vortrag über seine politischen Pläne für Sachsen-Anhalt. CORRECTIV dokumentierte später, dass für Siegmund bei dem Treffen sogar die „Master Suite“ reserviert worden war.
Damit standen Sellner und Siegmund nicht lediglich irgendwann auf derselben politischen Veranstaltung. Beide präsentierten dort politische Konzepte.
Siegmund sprach über seine Strategie für Sachsen-Anhalt und warb nach der Recherche um finanzielle Unterstützung für seinen Wahlkampf.
Damit könnte man die Verbindung zwischen beiden als politisches Treffen abhaken.
Doch inzwischen gibt es eine weitere Spur.
Und auch die führt nach Chemnitz.
Das Filmkunstkollektiv
Im August 2026 untersuchte CORRECTIV die Medienarbeit rund um Ulrich Siegmunds Wahlkampf.
Videos und Fotos für Siegmund produziert demnach das sogenannte Filmkunstkollektiv.
Nach der Recherche stammen mehrere Kameraleute aus der Identitären Bewegung beziehungsweise aus deren politischem Umfeld.
Der Sitz des 2021 gegründeten Filmkunstkollektivs wird laut CORRECTIV in einem bekannten Haus der Identitären Bewegung in Chemnitz angegeben.
Das Filmkunstkollektiv begleitet Siegmund seit Jahren mit der Kamera. Gleichzeitig arbeitete das Team 2026 beim sogenannten „Remigration Summit“ in Portugal als Medienmannschaft.
Mitorganisator dieses Treffens:
Martin Sellner.
CORRECTIV berichtet zudem unter Berufung auf Quellen aus der AfD und deren Umfeld, dass für einzelne Aufträge des Filmkunstkollektivs Beträge zwischen 5.000 und 30.000 Euro geflossen sein sollen. Diese konkreten Summen beruhen auf Insiderangaben und sind deshalb anders zu bewerten als Kurths durch Kontoauszüge nachvollzogene Überweisung.
Die grundsätzliche Zusammenarbeit des Medienkollektivs mit Siegmund und anderen AfD-Akteuren ist dagegen dokumentiert. correctiv.org
Damit entsteht eine Verbindung, die sich nicht auf ein einzelnes Treffen in Potsdam beschränkt.
Und dann taucht Peter Kurth erneut auf
Im September 2026 bekommt die Geschichte noch eine weitere Wendung.
Medien berichteten unter Berufung auf Spiegel-Recherchen, Peter Kurth werde in Personalüberlegungen für eine mögliche AfD-geführte Landesregierung in Sachsen-Anhalt als Staatssekretär gehandelt.
Kurth selbst erklärte, von solchen Überlegungen nichts zu wissen.
Eine Ernennung gab es nicht.
Bemerkenswert bleibt die Konstellation trotzdem.
Denn damit taucht ausgerechnet jener Peter Kurth wieder in Sachsen-Anhalt auf, dessen Geld Jahre zuvor in Firmenstrukturen und Immobilienprojekte aus dem Umfeld der Identitären Bewegung geflossen war.
Der Tagesspiegel fasste die Spiegel-Recherche mit einer weiteren interessanten Information zusammen: Kurth soll zwischen 2019 und 2022 rund 240.000 Euro an entsprechende Firmenstrukturen überwiesen haben. Außerdem hatte Kurth in seiner Privatwohnung unter anderem AfD-Politiker, den Verleger Götz Kubitschek und Martin Sellner zu Gast.
Damit lässt sich eine bemerkenswerte Chronologie zeichnen.
Von Berlin über Chemnitz bis nach Magdeburg
Peter Kurth ist Berliner CDU-Finanzsenator.
2009 kandidiert er für die CDU als Oberbürgermeister von Köln.
2019 überweist er 120.000 Euro an Schanze Eins.
2020 folgen rund 50.000 Euro an eine weitere Firma aus dem entsprechenden Umfeld.
2022 gehen rund 70.000 Euro an ein Immobilienunternehmen des damaligen deutschen IB-Chefs Philip Thaler. Das Geld soll der Realisierung des neuen Treffpunkts in Chemnitz gedient haben.
Ende 2023 eröffnet das Zentrum in Chemnitz.
Im selben Jahr treffen in Potsdam Martin Sellner und Ulrich Siegmund aufeinander und präsentieren dort ihre jeweiligen politischen Vorstellungen.
2026 arbeitet ein Medienkollektiv mit personellen Verbindungen zur Identitären Bewegung für Siegmunds Wahlkampf. Dasselbe Kollektiv begleitet den von Sellner mitorganisierten Remigration Summit.
Im August 2026 wird schließlich Martin Sellners „Institut für Remigration“ ins Handelsregister eingetragen.
Satzungssitz: Magdeburg.
Geschäftsanschrift: Edisonstraße 2, Chemnitz.
Und wenige Wochen später wird ausgerechnet Peter Kurth in Medienberichten als möglicher Staatssekretär einer AfD-geführten Regierung in Sachsen-Anhalt genannt.
Ein Netzwerk oder nur viele einzelne Verbindungen?
An dieser Stelle wäre es verführerisch, aus den einzelnen Puzzleteilen eine große zentrale Organisation zu konstruieren.
Dafür gibt es keinen Beleg.
Aber das ist auch gar nicht notwendig.
Denn die dokumentierten Verbindungen sind bereits interessant genug.
Da ist ein ehemaliger CDU-Finanzsenator, dessen Geld in Immobilienstrukturen der Identitären Bewegung fließt.
Da ist eine konkrete Zahlung, die nach Medienrecherchen mit dem Aufbau eines Treffpunkts in Chemnitz verbunden ist.
Da ist genau dieses Chemnitzer Umfeld, in dem Jahre später Martin Sellners neues Institut seine Geschäftsanschrift anmeldet.
Da ist Ulrich Siegmund, der gemeinsam mit Sellner beim Potsdamer Treffen auftritt und dessen Wahlkampf später von Personen aus dem Umfeld der Identitären Bewegung medial begleitet wird.
Da ist Sellners Institut mit gesellschaftsrechtlichem Sitz ausgerechnet in Sachsen-Anhalt.
Und schließlich taucht Kurth erneut auf, diesmal als Name in Personalüberlegungen für eine mögliche AfD-Regierung in Magdeburg.
Keiner dieser Punkte beweist für sich eine zentrale Steuerung.
Zusammengenommen zeigen sie jedoch, wie eng politische Akteure, Medienstrukturen, Immobiliengesellschaften, Geldgeber und Organisationen dieses Milieus miteinander verbunden sein können.
Genau deshalb lohnt es sich, nicht nur einzelne Personen zu betrachten.
Man muss den Geldflüssen folgen.
Den Firmen.
Den Immobilien.
Den gemeinsamen Projekten.
Und manchmal genügt dafür zunächst eine einzige Adresse:
Edisonstraße 2 in Chemnitz.
Quellenregister
ARD-Magazin MONITOR / WDR, Januar 2024
Recherche zu Peter Kurths Überweisung von 120.000 Euro an Schanze Eins; Nachvollziehung anhand eines Kontoauszugs; Einordnung der Immobilienfinanzierungen.
DER SPIEGEL / MDR, Februar 2024
Gemeinsame Recherche zu insgesamt rund 240.000 Euro, die Peter Kurth zwischen 2019 und 2022 in Firmen beziehungsweise Immobilienprojekte aus dem Umfeld der Identitären Bewegung überwiesen haben soll.
ZEIT ONLINE, Dezember 2023
Recherche zum Immobilienprojekt der Identitären Bewegung in Chemnitz, zur erworbenen Gewerbefläche und zur Eröffnung des Zentrums.
Bundesamt für Verfassungsschutz, Verfassungsschutzbericht 2022
Angaben zu Strukturen und Unternehmen im Umfeld der Identitären Bewegung Deutschland.
Handelsregister, Amtsgericht Stendal, HRB 38068
Registerangaben zur Institut für Remigration Martin Sellner (NGO) UG: Satzungssitz Magdeburg, Geschäftsanschrift Chemnitz, Geschäftsführung, Stammkapital und Eintragung.
CORRECTIV, Juni und August 2026
Recherchen zu Ulrich Siegmunds Teilnahme am Potsdamer Treffen, seinem politischen Umfeld und zur Zusammenarbeit mit dem Filmkunstkollektiv sowie dessen personellen Verbindungen zur Identitären Bewegung.
Stadt Köln, Oberbürgermeisterwahl 2009
Amtliches Wahlergebnis der Kandidatur Peter Kurths für die CDU.
DER SPIEGEL / Tagesspiegel, September 2026
Berichterstattung über Peter Kurth als möglichen Staatssekretär in Personalüberlegungen für eine AfD-geführte Landesregierung in Sachsen-Anhalt.

