Was würde passieren, wenn das demokratische Netz eine Woche lang aufhören würde, die AfD großzumachen? Nicht mit Geld. Sondern mit der wertvollsten Währung sozialer Netzwerke: Aufmerksamkeit. Die Wissenschaft liefert gute Gründe für ein Experiment.
Stellen wir uns sieben Tage vor.
Niemand geht in AfD-Gruppen, um sich dort zu streiten. Niemand kommentiert unter den Beiträgen ihrer Politiker. Niemand verteilt Wut-Smileys. Niemand teilt einen AfD-Beitrag mit dem Zusatz: „Schaut euch diesen Irrsinn an.“
Keine empörten Screenshots. Keine Verlinkungen. Keine AfD-Hashtags unter den eigenen Beiträgen.
Einfach nichts.
Damit kein Missverständnis entsteht: Es geht nicht darum, Rechtsextremismus zu ignorieren. Es geht nicht darum, Journalismus, Faktenchecks oder politische Aufklärung einzustellen.
Es geht um die Frage, ob wir zwischen notwendiger Aufklärung und freiwilliger Verstärkung unterscheiden können.
Denn eine unbequeme Wahrheit gehört zu sozialen Netzwerken:
Ein Teil der Aufmerksamkeit für politische Provokationen wird von den Menschen produziert, die diese Provokationen eigentlich ablehnen.
Der Wut-Smiley ist kein politischer Widerstand
Soziale Netzwerke leben von Aufmerksamkeit und Interaktion.
Meta beschreibt selbst, dass verschiedene Signale genutzt werden, um vorherzusagen, welche Inhalte für einen Menschen relevant sein könnten. Auch politische Inhalte auf Facebook, Instagram und Threads werden wieder stärker personalisiert ausgespielt.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass ein einzelner Wut-Smiley automatisch Tausende zusätzliche Aufrufe produziert. So simpel funktionieren Empfehlungs- und Rankingsysteme nicht.
Aber der Grundmechanismus ist offensichtlich:
Wir sehen etwas.
Wir klicken.
Wir lesen.
Wir reagieren.
Wir kommentieren.
Wir bekommen Antworten.
Wir antworten wieder.
Wir teilen den Beitrag vielleicht sogar, damit unsere Freunde ebenfalls sehen können, worüber wir uns gerade aufregen.
Und damit produzieren wir Aufmerksamkeit und Interaktion für genau den Inhalt, den wir eigentlich bekämpfen wollen.
Das ist keine bloße Vermutung. Genau dieser Zusammenhang zwischen politischem Widerspruch, Empörung und Engagement wird seit Jahren wissenschaftlich untersucht.
Wissenschaftler nennen es den „Confrontation Effect“
Daniel Mochon und Janet Schwartz veröffentlichten 2024 eine Untersuchung zu einem bemerkenswerten Phänomen.
Normalerweise würde man erwarten, dass Menschen sich besonders intensiv mit politischen Inhalten beschäftigen, die zur eigenen Überzeugung passen.
Doch es kann auch umgekehrt funktionieren.
Menschen beschäftigen sich unter bestimmten Bedingungen besonders stark mit Inhalten, die ihrer politischen Überzeugung widersprechen.
Die Forscher nennen das den „Confrontation Effect“.
Ein entscheidender Treiber dabei ist Empörung.
Untersucht wurde das unter anderem anhand von Felddaten von Twitter, einem Feldexperiment auf Facebook und weiteren Online-Experimenten.
Das dürfte vielen bekannt vorkommen.
Man liest einen ungeheuerlichen Satz.
Man denkt: Das kann doch nicht wahr sein.
Man öffnet die Kommentare.
Man antwortet.
Der andere antwortet zurück.
Dann mischt sich der Nächste ein.
Nach zwanzig Minuten haben fünf Menschen dreißig Kommentare unter einem Inhalt produziert, den eigentlich alle fünf ablehnen.
Politisch haben sie widersprochen.
Kommunikativ haben sie den Beitrag gleichzeitig am Leben gehalten.
2,7 Millionen Beiträge zeigen die Macht des politischen Gegners
Noch eindrucksvoller ist eine Untersuchung von Steve Rathje, Jay Van Bavel und Sander van der Linden.
Die Forscher analysierten mehr als 2,7 Millionen politische Beiträge von US-Kongressmitgliedern und Nachrichtenmedien auf Facebook und Twitter.
Das Ergebnis:
Beiträge über die politische Gegengruppe wurden ungefähr doppelt so häufig geteilt oder retweetet wie Beiträge über die eigene politische Gruppe.
Begriffe, die sich auf den politischen Gegner bezogen, waren besonders starke Prädiktoren für die Verbreitung von Beiträgen. Sprache über die politische Gegengruppe hing außerdem stark mit wütenden Reaktionen auf Facebook zusammen.
Das Problem ist also keineswegs auf Deutschland oder die AfD beschränkt.
Der politische Gegner zieht Aufmerksamkeit.
Und genau deshalb müssen wir uns fragen, wie viel politische Kommunikation wir inzwischen selbst um unseren Gegner herum organisieren.
Wut und Empörung sind wertvolle Rohstoffe
Eine 2025 in „PNAS Nexus“ veröffentlichte Untersuchung liefert einen weiteren wichtigen Baustein.
Hier muss man allerdings genau sein: Diese konkrete Untersuchung bezieht sich auf Twitter beziehungsweise X. Ihre Ergebnisse können deshalb nicht einfach eins zu eins auf Facebook oder Instagram übertragen werden.
Die Forscher verglichen unterschiedliche Möglichkeiten, Beiträge zu sortieren. Dabei zeigte sich, dass engagementbasiertes Ranking stärker emotional aufgeladene, parteiische und gegenüber politischen Gegengruppen feindselige Inhalte verstärken konnte.
Besonders interessant:
Die Nutzer bevorzugten diese politischen Inhalte nicht einmal unbedingt.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
„Das möchte ich sehen“ ist nicht dasselbe wie „Darauf muss ich sofort antworten“.
Für ein System, das Aufmerksamkeit und Interaktion misst, können trotzdem beide Verhaltensweisen relevant sein.
Was bedeutet das konkret für die AfD?
Hier müssen wir wissenschaftlich sauber bleiben.
Keine dieser Studien beweist:
Wenn demokratische Nutzer die AfD sieben Tage ignorieren, sinkt deren Reichweite um einen bestimmten Prozentsatz.
Ein solches Experiment ist meines Wissens bislang nicht durchgeführt worden.
Wir wissen also nicht, ob die AfD nach sieben Tagen zehn Prozent, ein Prozent oder überhaupt messbar Reichweite verlieren würde.
Etwas anderes wissen wir aber sehr wohl.
Politische Gegnerschaft kann Engagement antreiben.
Empörung kann Menschen dazu bringen, sich intensiv mit gegnerischen Inhalten zu beschäftigen.
Und engagementorientierte Systeme können polarisierende politische Inhalte begünstigen.
Daraus ergibt sich zumindest eine ziemlich naheliegende Frage:
Warum liefern wir freiwillig noch zusätzliche Aufmerksamkeit?
Genau deshalb wäre eine Woche ohne kostenlose AfD-Reichweite ein Experiment.
Nicht mehr.
Aber eben auch nicht weniger.
Was eine solche Woche konkret bedeuten würde
Nicht in AfD-Gruppen gehen, um dort Grundsatzdiskussionen zu führen.
Nicht unter deren Beiträgen kommentieren.
Keine Wut-Smileys.
Keine Lach-Smileys.
Keine Beiträge teilen, nur um sich darüber aufzuregen.
Nicht jede Provokation per Screenshot in die eigene Community tragen.
Und auch die Verwendung von AfD-Hashtags sollte man sich sehr genau überlegen.
Dabei sollte man keine falschen Versprechen über Algorithmen machen. Ein Hashtag bedeutet nicht automatisch zusätzliche Reichweite für eine Partei.
Die viel einfachere Frage lautet:
Warum sollten wir unsere eigenen Themen ständig mit dem Namen unseres politischen Gegners verschlagworten?
Wer über Pflege schreibt, kann über Pflege schreiben.
Wer über Schulen schreibt, über Schulen.
Wer über bezahlbare Wohnungen schreibt, über Wohnen.
Wer über Klimaschutz schreibt, über Klimaschutz.
Unsere Themen brauchen nicht automatisch das Etikett der AfD.
Und was passiert mit den eigenen Kommentarspalten?
Auch dort lässt sich Aufmerksamkeit verteilen.
Wenn unter einem Beitrag über Bildung nach wenigen Minuten immer dieselben Accounts auftauchen, provozieren und anschließend 40 andere Menschen mit ihnen diskutieren, ist das ursprüngliche Thema irgendwann verschwunden.
Dann bestimmt nicht mehr der Autor das Thema.
Der Troll bestimmt es.
Man muss nicht jeden Menschen überzeugen.
Man muss nicht auf jede Provokation antworten.
Und niemand hat einen Anspruch darauf, jede private oder redaktionell betreute Kommentarspalte unbegrenzt als eigene Bühne benutzen zu dürfen.
Wer ausschließlich provoziert, beleidigt oder Diskussionen kapert, kann moderiert, verborgen oder blockiert werden.
Danach kann man über das eigentliche Thema weiterreden.
Ignorieren bedeutet nicht wegsehen
Das ist die entscheidende Grenze.
Wenn Politiker demokratische Institutionen angreifen, wenn Menschen bedroht werden, rassistische oder rechtsextreme Aussagen fallen, falsche Behauptungen große Verbreitung erreichen oder politische Programme analysiert werden müssen, braucht es Öffentlichkeit.
Journalisten müssen recherchieren.
Faktenchecks müssen stattfinden.
Rechtsextreme Netzwerke müssen dokumentiert werden.
Politische Programme müssen geprüft werden.
Falsche Behauptungen müssen widerlegt werden.
Aber nicht jeder Facebook-Post eines AfD-Politikers ist automatisch eine Nachricht.
Nicht jede Provokation braucht 5.000 Gegenkommentare.
Nicht jeder Unsinn verdient einen Screenshot auf hundert demokratischen Accounts.
Es gibt einen Unterschied zwischen Aufklärung und Vervielfältigung.
Und plötzlich hätten wir Platz für andere Politik
Das ist vielleicht der interessanteste Effekt des ganzen Experiments.
Aufmerksamkeit verschwindet nicht einfach.
Sie wird frei.
Statt über die nächste Provokation könnten wir darüber diskutieren, wie Schulen besser werden.
Wie Pflege finanziert werden soll.
Warum Wohnungen fehlen.
Wie Löhne steigen können.
Was Klimaschutz kostet und was unterlassener Klimaschutz kostet.
Wie Kommunen wieder handlungsfähig werden.
Was Grüne, SPD und Linke konkret vorschlagen.
Was davon funktioniert.
Was nicht funktioniert.
Was es kostet.
Und wer es bezahlen soll.
Man könnte sich sogar wieder über Politik streiten.
Über tatsächliche Politik.
Sieben Tage. Einfach ausprobieren.
Vielleicht verändert eine Woche überhaupt nichts an den Umfragewerten.
Vielleicht verliert die AfD dadurch keinen einzigen Wähler.
Vielleicht verändert sich ihre Reichweite kaum.
Das wissen wir vorher nicht.
Aber wir könnten etwas anderes verändern:
uns selbst.
Sieben Tage lang keine reflexhafte Empörung.
Keine kostenlosen Multiplikatoren.
Keine stundenlangen Troll-Diskussionen.
Keine automatische Verbindung jedes politischen Themas mit der AfD.
Kritische Aufklärung: unbedingt.
Faktenchecks: unbedingt.
Journalistische Kontrolle: unbedingt.
Aber kostenlose Reichweite?
Nein.
Die AfD darf ihre Reichweite selbst produzieren.
Wir müssen ihr dabei nicht helfen.
Vielleicht ist genau das der Versuch wert:
Nicht wegsehen. Nicht schweigen. Sondern endlich wieder selbst bestimmen, worüber wir reden.
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Quellenregister
Mochon, Daniel / Schwartz, Janet (2024): „The confrontation effect: When users engage more with ideology-inconsistent content online“, Organizational Behavior and Human Decision Processes, Vol. 185, 104366. Untersuchung des sogenannten „Confrontation Effect“ und der Bedeutung von Empörung für die Beschäftigung mit politisch widersprechenden Inhalten.
Rathje, Steve / Van Bavel, Jay J. / van der Linden, Sander (2021): „Out-group animosity drives engagement on social media“, Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), Vol. 118, Nr. 26. Analyse von 2.730.215 Beiträgen von US-Kongressmitgliedern und Nachrichtenmedien auf Facebook und Twitter.
PNAS Nexus (2025): „Engagement, user satisfaction, and the amplification of divisive content on social media“, Vol. 4, Issue 3. Untersuchung zum Zusammenhang zwischen engagementbasiertem Ranking und der Verstärkung spaltender politischer Inhalte auf Twitter/X.
Meta (2025): „More Speech and Fewer Mistakes“. Informationen von Meta zur Personalisierung politischer Inhalte und zur Nutzung verschiedener Signale für Empfehlungen auf Facebook, Instagram und Threads.

