Vorwort: Die Dürre ist real. Die Systemfrage auch.

Die Felder sind trocken. Ernten fallen schlechter aus. Für einzelne Betriebe geht es um erhebliche Einnahmeverluste, in besonders betroffenen Regionen möglicherweise um die Existenz.

Das ist keine Inszenierung einer Agrarlobby. Landwirtschaft ist dem Wetter ausgeliefert wie kaum eine andere Branche. Wer im Frühjahr aussät, düngt, investiert und arbeitet, kann Monate später trotzdem vor einem Feld stehen, auf dem ein erheblicher Teil der erwarteten Ernte fehlt.

Die Dürre ist real.

Darüber müssen wir nicht streiten.

Über die politische Antwort schon.

Der Deutsche Bauernverband fordert angesichts der aktuellen Lage zusätzliche staatliche Unterstützung. Dazu gehören Hilfen bei den gestiegenen Düngemittelkosten, eine frühere Auszahlung von Direktzahlungen und weitere Entlastungen beim Diesel.

Das ist legitime Interessenvertretung.

Zur Wahrheit gehört aber ebenso: Der Bauernverband fordert nicht nur Geld. Er spricht auch über trockenheitsresistentere Sorten, besseren Wasserrückhalt, Risikomanagement und die notwendige Anpassung der Landwirtschaft an zunehmende Wetterextreme.

Das ist richtig.

Und genau deshalb lohnt sich eine grundsätzlichere Frage:

Brauchen wir bei jeder neuen Krise vor allem mehr Geld? Oder müssen wir endlich darüber reden, was die Milliarden bewirken, die längst in Landwirtschaft und ländliche Räume fließen?

Es fließt bereits sehr viel Geld

Deutschland verfügt über eines der größten und dauerhaftesten Agrarfördersysteme der Welt.

Allein im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union stehen Deutschland jährlich Milliarden zur Verfügung. Dazu kommen nationale Programme, Investitionsförderungen und steuerliche Entlastungen.

Aber auch hier muss man sauber bleiben.

Nicht jeder Euro dieses Geldes landet auf dem Konto eines Landwirts. Die europäische Agrarpolitik finanziert auch Umweltmaßnahmen, Klimaschutz und die Entwicklung ländlicher Räume.

Und Direktzahlungen sind kein bedingungsloses Geschenk. Landwirte müssen dafür Anforderungen erfüllen.

Unsere Kritik setzt deshalb an einer anderen Stelle an:

Was erreichen wir mit diesem System?

2023 gab es in Deutschland noch rund 255.000 landwirtschaftliche Betriebe. Innerhalb von drei Jahren waren etwa 7.800 verschwunden. Die bewirtschaftete Fläche blieb mit rund 16,6 Millionen Hektar dagegen nahezu konstant.

Weniger Höfe. Fast dieselbe Fläche.

Gleichzeitig verwenden wir enorme Mengen Getreide als Tierfutter. Wir haben regional weiterhin Probleme mit Stickstoff und Nitrat. Die Tierhaltung konzentriert sich auf immer weniger Betriebe. Der notwendige Umbau zu besseren Haltungsbedingungen dauert teilweise viele Jahre.

Und jetzt kommt die nächste Dürre.

Das alles sind keine voneinander getrennten Geschichten.

Es geht nicht gegen Bauern

Dieser Artikel wird deshalb keine Abrechnung mit „den Bauern“.

Schon dieser Begriff ist problematisch.

Ein Familienbetrieb mit 40 Hektar hat andere Interessen als ein Agrarunternehmen mit 1.000 Hektar. Ein Biobetrieb wirtschaftet anders als ein konventioneller Schweinemäster. Ein Grünlandbetrieb im Allgäu lässt sich nicht mit einem Getreidebetrieb in Sachsen-Anhalt vergleichen.

Genauso wenig werden wir behaupten, große Betriebe seien automatisch schlecht.

Oder jeder Hektar Tierfutter könne morgen zum Gemüseacker werden.

Oder sämtliche Agrarsubventionen gehörten abgeschafft.

Das wären einfache Antworten auf ein kompliziertes Problem.

Mich interessiert eine andere Frage:

Welche Landwirtschaft wollen wir mit unserem Geld erhalten und welche wollen wir für die Zukunft aufbauen?

Eine, die bei der nächsten Dürre wieder zuerst zusätzliche Hilfen benötigt?

Oder eine, in der öffentliches Geld stärker dafür eingesetzt wird, Betriebe widerstandsfähiger zu machen?

Für Böden, die Wasser besser speichern.

Für Landschaften, die Wasser länger halten.

Für kleinere und mittlere Betriebe, die im Strukturwandel verschwinden.

Für konkrete Umweltleistungen.

Für weniger Nährstoffüberschüsse.

Für bessere Tierhaltung.

Und für eine stärkere direkte Lebensmittelproduktion für Menschen dort, wo Böden, Klima und Fruchtfolgen dies sinnvoll zulassen.

Subventionen sollten Zukunft finanzieren

Ich habe kein grundsätzliches Problem mit Agrarsubventionen.

Im Gegenteil.

Landwirtschaft erfüllt Aufgaben, die ein Marktpreis allein kaum abbilden kann. Kulturlandschaft, Versorgungssicherheit, Tierwohl, Boden-, Wasser-, Natur- und Klimaschutz haben einen gesellschaftlichen Wert.

Dann darf die Gesellschaft dafür bezahlen.

Aber genau deshalb darf sie auch fragen, wofür sie bezahlt.

Agrarsubventionen sollten nicht hauptsächlich bestehende Strukturen konservieren.

Sie sollten Zukunft finanzieren.

Einen Hof erhalten, der sonst verschwindet.

Einen Stall tatsächlich tiergerechter machen.

Einen Boden widerstandsfähiger gegen Hitze und Trockenheit machen.

Wasser in der Landschaft halten.

Umweltleistungen bezahlen.

Und Landwirtschaft dabei unterstützen, mit einem Klima zurechtzukommen, das sich längst verändert.

Die Dürre 2026 ist deshalb mehr als eine schlechte Ernte.

Sie ist ein Stresstest für unsere Agrarpolitik.

Der Staat kann Ernteausfälle teilweise abfedern. Er kann Investitionen fördern. Er kann Betriebe beim Umbau unterstützen.

Aber er kann nicht auf Dauer jedes wachsende Klimarisiko mit einem größeren Fördertopf beantworten.

Und Regen kann er überhaupt nicht kaufen.


Kapitel 1: Wer sind eigentlich „die Bauern“?

Wenn der Deutsche Bauernverband spricht, spricht er für „die Landwirtschaft“. In der öffentlichen Debatte entsteht daraus schnell ein ziemlich einheitliches Bild.

Der Familienhof. Seit Generationen bewirtschaftet. Lange Arbeitstage, steigende Kosten, niedrige Erzeugerpreise, immer neue Vorschriften.

Diese Höfe gibt es. Und viele von ihnen stehen tatsächlich unter erheblichem wirtschaftlichem Druck.

Aber sie sind nur ein Teil der deutschen Landwirtschaft.

Neben dem kleinen Familienbetrieb stehen hoch spezialisierte Höfe mit mehreren Hundert Hektar, große Tierhaltungsbetriebe, Genossenschaften und Agrarunternehmen mit teilweise weit über tausend Hektar.

Sie alle unter dem Begriff „die Bauern“ zusammenzufassen, verdeckt einen entscheidenden Unterschied:

Ihre wirtschaftlichen Interessen sind nicht dieselben.

Weniger Höfe. Fast dieselbe Fläche.

2023 gab es in Deutschland noch rund 255.000 landwirtschaftliche Betriebe.

Drei Jahre zuvor waren es etwa 263.000.

Innerhalb von nur drei Jahren verschwanden damit rund 7.800 Betriebe.

Die landwirtschaftlich genutzte Fläche dagegen blieb mit etwa 16,6 Millionen Hektar nahezu konstant. Die durchschnittliche Betriebsgröße stieg auf rund 65 Hektar.

Destatis beschreibt die Entwicklung entsprechend klar: Der langfristige Strukturwandel hin zu weniger und größeren Betrieben setzt sich fort.

Das Land verschwindet also nicht.

Es wird von immer weniger Betrieben bewirtschaftet.

Und genau das sollte uns interessieren, wenn Agrarförderung auch damit begründet wird, landwirtschaftliche Einkommen und vielfältige Betriebsstrukturen zu stabilisieren.

Groß ist nicht automatisch schlecht

Dabei wäre es zu einfach, große Betriebe zum Problem zu erklären.

Die deutsche Landwirtschaft hat sehr unterschiedliche Strukturen. Gerade in Ostdeutschland sind große Agrarbetriebe auch Ergebnis der historischen Entwicklung.

2023 bewirtschafteten Einzelunternehmen durchschnittlich rund 46 Hektar. Bei juristischen Personen waren es rund 460 Hektar. Landwirtschaftliche Genossenschaften kamen im Durchschnitt sogar auf mehr als 1.000 Hektar.

Ein großer Betrieb kann effizient arbeiten, Menschen beschäftigen, hohe Umweltstandards erfüllen und wirtschaftlich sinnvoll organisiert sein.

Ein kleiner Betrieb ist umgekehrt nicht automatisch nachhaltig oder tiergerecht.

Betriebsgröße ist kein Qualitätsurteil.

Sie spielt aber eine wichtige Rolle, sobald öffentliche Gelder nach Fläche verteilt werden.

Denn Fläche bringt Förderung

Ein wesentlicher Teil der europäischen Einkommensstützung für landwirtschaftliche Betriebe orientiert sich weiterhin an förderfähiger Fläche.

Das geschieht nicht bedingungslos. Betriebe müssen Grundanforderungen erfüllen. Deutschland unterstützt außerdem kleinere und mittlere Betriebe stärker über zusätzliche Zahlungen für die ersten Hektare.

Trotzdem bleibt die einfache mathematische Konsequenz:

Wer sehr viel förderfähige Fläche bewirtschaftet, kann absolut deutlich höhere Zahlungen erhalten als ein kleiner Betrieb.

Das ist kein Missbrauch.

Das ist das System.

Und genau deshalb gehört dieses System auf den Prüfstand.

Eine stärkere Begrenzung hoher Direktzahlungen durch Kappung oder Degression lehnt der Deutsche Bauernverband ab. Der Verband argumentiert unter anderem mit Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplätzen und den besonderen Strukturen größerer Betriebe.

Diese Argumente darf man ernst nehmen.

Aber man darf ebenso fragen, wem das bestehende System besonders nützt.

Der kleine Hof verschwindet trotzdem

Genau hier liegt für mich der Widerspruch.

Seit Jahrzehnten fließen Milliarden in die europäische Agrarpolitik. Ein erklärtes Ziel ist die Stabilisierung landwirtschaftlicher Einkommen und die Sicherung der Landwirtschaft.

Und trotzdem geht das Höfesterben weiter.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die Agrarförderung daran schuld ist. Technischer Fortschritt, Arbeitskosten, Nachfolgeprobleme, Bodenpreise, Spezialisierung und internationaler Wettbewerb treiben den Strukturwandel ebenfalls.

Aber nach Jahrzehnten milliardenschwerer Förderung darf man eine Erfolgskontrolle verlangen.

Wenn immer weniger Betriebe nahezu dieselbe Fläche bewirtschaften, reicht es nicht, bei der nächsten Krise nur darüber zu diskutieren, ob der Fördertopf größer werden muss.

Dann müssen wir darüber reden, wie das vorhandene Geld verteilt wird und welches Ziel wir damit verfolgen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Wie viel Geld brauchen „die Bauern“?

Sondern:

Welche landwirtschaftlichen Strukturen wollen wir mit unserem Geld erhalten und welche für die Zukunft aufbauen?

Und genau dafür müssen wir uns im nächsten Schritt ansehen, wie diese Milliarden eigentlich verteilt werden.


Kapitel 2: Milliarden sind längst da. Die Frage ist, wofür.

Wenn über Agrarsubventionen gesprochen wird, fallen schnell gewaltige Summen. Genau deshalb muss man sauber unterscheiden.

Deutschland stehen in der laufenden Förderperiode 2023 bis 2027 jährlich rund 6,2 Milliarden Euro EU-Mittel für die Gemeinsame Agrarpolitik, kurz GAP, zur Verfügung. Die aktuelle Übersichtsseite des Bundeslandwirtschaftsministeriums nennt inzwischen rund 6,3 Milliarden Euro jährlich. Die Größenordnung bleibt also dieselbe.

Aber diese Milliarden sind nicht einfach ein großer Topf, der auf Bauernkonten verteilt wird.

Die GAP besteht aus zwei Säulen. Die erste umfasst vor allem Direktzahlungen an landwirtschaftliche Betriebe und Marktmaßnahmen. Die zweite finanziert unter anderem Umwelt- und Klimamaßnahmen, Investitionen, Infrastruktur und die Entwicklung ländlicher Räume. Dort können auch Projekte außerhalb einzelner landwirtschaftlicher Betriebe gefördert werden.

Wer also die gesamten 6,2 oder 6,3 Milliarden Euro schlicht als „Bauernsubventionen“ bezeichnet, macht es sich zu einfach.

Unsere Kritik beginnt an einer anderen Stelle.

Rund fünf Milliarden Euro Direktzahlungen vor Umschichtung

Vor der Umschichtung von Mitteln in die zweite Säule stehen jährlich rund 4,9 Milliarden Euro für Direktzahlungen zur Verfügung. Sie bilden den wesentlichen Teil der ersten Säule.

Auch diese Zahlungen gibt es nicht bedingungslos.

Landwirtschaftliche Betriebe müssen umfangreiche Anforderungen erfüllen. Dazu gehören Umweltvorgaben und Standards für eine ordnungsgemäße Bewirtschaftung. Das Bundeslandwirtschaftsministerium spricht von „Konditionalität“.

Trotzdem bleibt ein entscheidendes Prinzip bestehen:

Die Einkommensgrundstützung wird je Hektar förderfähiger Fläche gezahlt.

Das ist ein wichtiger Unterschied zu der verkürzten Behauptung: „Du besitzt Land, also bekommst du Geld.“

So einfach ist es nicht.

Aber die mathematische Konsequenz bleibt:

Wer sehr viel förderfähige Fläche bewirtschaftet und die Voraussetzungen erfüllt, kann absolut deutlich höhere Zahlungen erhalten.

Und genau darüber darf man reden.

Kleinere Betriebe werden bereits stärker berücksichtigt

Auch hier wäre es falsch, das heutige System so darzustellen, als würde jeder Hektar vollkommen gleich behandelt.

Für kleinere und mittlere Betriebe gibt es eine zusätzliche Umverteilungseinkommensstützung. Sie wird für die ersten 60 Hektar gezahlt, wobei die ersten 40 Hektar stärker gefördert werden als die folgenden 20.

Das ist ausdrücklich dazu gedacht, kleinere und mittlere Betriebe stärker zu unterstützen.

Die Politik hat das Problem also längst erkannt.

Die Frage ist nur, ob die Gewichtung ausreicht.

Denn gleichzeitig haben wir im vorherigen Kapitel gesehen: Die Zahl der Höfe sinkt weiter, während die bewirtschaftete Gesamtfläche nahezu konstant bleibt.

Deshalb ist es legitim zu fragen, ob Fläche weiterhin ein so wichtiger Schlüssel für die Verteilung öffentlicher Gelder sein sollte.

Das System kennt längst eine Alternative

Besonders interessant sind die sogenannten Öko-Regelungen.

Für sie stehen jährlich rund eine Milliarde Euro zur Verfügung. Die Teilnahme ist freiwillig. Bezahlt werden zusätzliche Leistungen für Umwelt, Klima und teilweise Tierwohl, die über die ohnehin geltenden Anforderungen hinausgehen.

Und genau hier verändert sich das Prinzip.

Nicht nur:

Du bewirtschaftest förderfähige Fläche, erfüllst die Voraussetzungen und erhältst Einkommensstützung.

Sondern:

Du erbringst eine zusätzliche Leistung für die Allgemeinheit. Dafür bekommst du zusätzliches Geld.

Das ist für mich der entscheidende Ansatz.

Denn Landwirtschaft produziert längst nicht nur Lebensmittel.

Sie beeinflusst Böden, Wasser, Artenvielfalt, Landschaft und Klima. Landwirte können Leistungen für die Allgemeinheit erbringen, die sich nicht einfach über den Preis einer Tonne Weizen oder eines Liters Milch finanzieren lassen.

Dann soll die Gesellschaft dafür bezahlen.

Ordentlich.

Öffentliches Geld für öffentliche Leistungen

Interessanterweise ist dieser Gedanke längst keine radikale Forderung mehr.

Die Bundesregierung hat für die künftige GAP nach 2027 selbst formuliert, die Agrarpolitik solle sich stärker am Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“ orientieren. Gemeinwohlleistungen in den Bereichen Klima, Umwelt, Naturschutz und Tierwohl sollen für landwirtschaftliche Betriebe einkommenswirksam honoriert werden.

Genau dort liegt für mich die Zukunft der Agrarförderung.

Nicht Bauern das Geld wegnehmen.

Nicht jede Direktzahlung abschaffen.

Und auch nicht so tun, als könnten Umweltleistungen kostenlos erbracht werden.

Sondern die Gewichte verschieben.

Mehr Unterstützung dort, wo kleine und mittlere Betriebe stabilisiert werden sollen.

Mehr Geld für konkrete gesellschaftliche Leistungen.

Mehr für Wasser, Boden, Klima und Artenvielfalt.

Mehr für den Umbau.

Denn Agrarsubventionen sollten nicht hauptsächlich bestehende Strukturen konservieren.

Sie sollten Zukunft finanzieren.

Und bevor wir darüber entscheiden können, welche Landwirtschaft wir stärker fördern wollen, müssen wir uns ansehen, was auf unseren Flächen eigentlich produziert wird.

Denn ein überraschend großer Teil unserer Ernte landet nicht auf dem Teller.

Er landet im Trog.


Kapitel 3: Wir ernähren Deutschland. Aber womit eigentlich?

„Wir ernähren Deutschland.“

Dieser Satz fällt zuverlässig, wenn über Landwirtschaft, Umweltauflagen oder staatliche Unterstützung gestritten wird. Und sein Kern stimmt natürlich: Ohne Landwirtschaft keine Lebensmittel.

Aber sobald Ernährungssicherheit als politisches Argument eingesetzt wird, darf man genauer hinsehen.

Denn nicht alles, was auf deutschen Äckern wächst, landet auf unseren Tellern.

20 Millionen Tonnen Getreide für Tiere

Im Wirtschaftsjahr 2024/25 wurden in Deutschland rund 39,2 Millionen Tonnen Getreide verwendet.

Gut die Hälfte davon, rund 20 Millionen Tonnen, wurde verfüttert. Für Nahrungszwecke wurden knapp 8,9 Millionen Tonnen verwendet. Rund 20 Prozent gingen in industrielle und energetische Nutzungen, der Rest unter anderem in Saatgut oder Verluste.

Die Größenordnung ist bemerkenswert:

In Deutschland wird mehr als doppelt so viel Getreide verfüttert, wie für Nahrungszwecke verwendet wird.

Das ist zunächst keine Wertung.

Schweine, Rinder und Geflügel brauchen Futter. Tierische Lebensmittel gehören zur deutschen Landwirtschaft. Außerdem erreicht nicht jedes Getreide Lebensmittelqualität. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung weist selbst darauf hin, dass Backgetreide gute Böden benötigt und Weizen aus Gründen der Fruchtfolge nicht jedes Jahr auf derselben Fläche angebaut werden kann. Futtergetreide wie Gerste ist weniger anspruchsvoll.

Die Rechnung „20 Millionen Tonnen weniger Tierfutter ergeben 20 Millionen Tonnen mehr Lebensmittel“ wäre deshalb fachlich falsch.

Aber die Größenordnung wirft trotzdem eine politische Frage auf:

Welche Produktion wollen wir mit öffentlichen Milliarden besonders unterstützen?

Knapp 60 Prozent der Agrarfläche dienen Futtermitteln

Noch deutlicher wird die Dimension beim Blick auf die Fläche.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes werden auf knapp 60 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche Futtermittel für die Tierhaltung erzeugt. Rund 27 Prozent dienen pflanzlichen Gütern für die menschliche Ernährung.

Auch diese Zahl darf man allerdings nicht missverstehen.

Deutschland verfügt über rund 4,7 Millionen Hektar Dauergrünland, also vor allem Wiesen und Weiden. Das entspricht mehr als einem Viertel der gesamten Agrarfläche. Dieses Grünland kann nicht einfach in Ackerland für Brotweizen oder Gemüse verwandelt werden. Es ist zudem ökologisch wertvoll, speichert Kohlenstoff und bietet Lebensräume für zahlreiche Arten.

Gerade Wiederkäuer können dort etwas leisten, was Menschen nicht können: Gras verwerten und daraus Milch oder Fleisch erzeugen.

Deshalb lautet unsere Forderung ausdrücklich nicht:

Futterflächen weg, Lebensmitteläcker her.

Das wäre zu simpel.

Hinzu kommen Millionen Tonnen Eiweißfutter

Zur Tierhaltung gehört allerdings noch eine zweite Zahl.

2024/25 wurden in Deutschland rund acht Millionen Tonnen Ölkuchen und Ölschrote als Futtermittel verbraucht. Rund 3,1 Millionen Tonnen davon entfielen auf Sojaerzeugnisse. Der rechnerische Selbstversorgungsgrad bei Ölkuchen und Schroten lag lediglich bei 26 Prozent. Gleichzeitig wurden jeweils rund vier Millionen Tonnen ein- und ausgeführt.

Auch hier ist Präzision wichtig: Ein niedriger Selbstversorgungsgrad bedeutet nicht, dass drei Viertel des in Deutschland verfütterten Schrots einfach als fertiges Futtermittel importiert werden. Die Warenströme und die Verarbeitung von importierten Ölsaaten sind komplexer.

Aber die Zahlen zeigen:

Unsere Tierhaltung ist Teil internationaler Futtermittel- und Rohstoffströme.

Das relativiert zumindest die Vorstellung, Ernährungssicherheit bedeute automatisch möglichst viel heimische Tierproduktion.

Es geht um Prioritäten, nicht um Verbote

Niemand muss daraus die Forderung ableiten, Tierhaltung abzuschaffen.

Ich tue es ausdrücklich nicht.

Aber wenn der Staat Milliarden in die Landwirtschaft investiert, darf er Prioritäten setzen.

Wo Böden, Klima, Wasserverfügbarkeit und Fruchtfolgen es sinnvoll zulassen, sollte die direkte Produktion von Lebensmitteln für Menschen stärkeres Gewicht bekommen.

Wo Grünland nur sinnvoll über Tierhaltung genutzt werden kann, sieht die Rechnung anders aus.

Und bei der Tierhaltung selbst darf gefragt werden, welche Größenordnung langfristig zu unseren Flächen, Futtermittelressourcen und Nährstoffkreisläufen passt.

Das ist keine Debatte gegen Landwirtschaft.

Es ist eine Debatte über Flächeneffizienz und Ernährungssicherheit.

Denn Ernährungssicherheit bedeutet nicht, auf möglichst vielen Hektar möglichst viel zu produzieren.

Sie bedeutet, unsere begrenzten Flächen so zu nutzen, dass sie langfristig möglichst sinnvoll zur Versorgung beitragen.

Und wer Millionen Tonnen Futter in Tiere hineinsteckt, muss sich noch mit einer zweiten Seite dieser Produktion beschäftigen.

Was vorne als Futter hineingeht, kommt teilweise als Nährstoff wieder heraus.

Damit sind wir bei Gülle, Stickstoff und Grundwasser.


Kapitel 4: Erst das Futter. Dann die Nährstoffe.

Wer über Tierhaltung spricht, muss auch über das reden, was nach der Fütterung übrig bleibt.

Gülle und Mist sind zunächst kein Abfall. Im Gegenteil. Sie enthalten wertvolle Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor, können Mineraldünger ersetzen und gehören zu funktionierenden landwirtschaftlichen Kreisläufen.

Das Problem ist also nicht die Gülle.

Das Problem entsteht, wenn dem landwirtschaftlichen System mehr Nährstoffe zugeführt werden, als über Pflanzen und tierische Produkte wieder abgeführt werden. Überschüssiger Stickstoff kann als Nitrat ins Grundwasser gelangen, als Ammoniak die Luft belasten oder als Lachgas zur Erderwärmung beitragen.

Und genau hier hat Deutschland trotz deutlicher Fortschritte weiterhin Arbeit vor sich.

Es ist deutlich besser geworden

Das muss zuerst gesagt werden.

Der Stickstoffüberschuss der deutschen Landwirtschaft ist im gleitenden Fünfjahresmittel seit 1994 von 117 auf rund 70 Kilogramm Stickstoff je Hektar und Jahr gesunken. Ein Rückgang um etwa 40 Prozent.

Das Ziel der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie wurde damit 2023 erstmals erreicht.

Das ist ein Erfolg.

Landwirte setzen Stickstoff effizienter ein. Die Futterverwertung hat sich verbessert. Tierzahlen sind gesunken. Der Verbrauch von Mineraldünger ging zurück. Auch strengere Düngevorschriften und emissionsärmere Ausbringungstechniken haben nach Einschätzung des Umweltbundesamtes dazu beigetragen.

Wer seriös über Landwirtschaft schreibt, sollte diese Entwicklung nicht unterschlagen.

Aber genauso wenig sollte man aus einem erreichten Durchschnittsziel schließen, das Problem sei erledigt.

Das Umweltbundesamt weist ausdrücklich darauf hin, dass 70 Kilogramm im bundesweiten Mittel noch nicht ausreichen, um alle Ziele beim Grundwasser, bei Nord- und Ostsee und beim Schutz von Ökosystemen zu erreichen.

Vor allem deshalb, weil der bundesweite Durchschnitt große regionale Unterschiede verdeckt.

Wo viele Tiere stehen, wird es schwieriger

Genau hier schließt sich der Kreis zum vorherigen Kapitel.

2023 stammten nach der landwirtschaftlichen Stickstoff-Gesamtbilanz 24 Prozent der Stickstoffzufuhr aus inländischem Tierfutter und weitere 15 Prozent aus Futtermittelimporten. 42 Prozent kamen aus Mineraldüngern.

Futtermittelimporte bringen also nicht nur Futter ins Land.

Sie bringen Nährstoffe in das landwirtschaftliche System.

Besonders problematisch sind deshalb Regionen mit hoher Viehdichte. Das Umweltbundesamt nennt unterschiedliche Viehbesatzdichten ausdrücklich als einen wesentlichen Grund für die starken regionalen Unterschiede bei den Stickstoffüberschüssen. Wo viele Tiere auf vergleichsweise wenig Fläche gehalten werden, fallen entsprechend große Mengen Wirtschaftsdünger an.

Das bedeutet nicht, dass große Tierbestände automatisch Grundwasser verschmutzen.

Es bedeutet aber: Je stärker Tierhaltung regional konzentriert wird, desto anspruchsvoller wird ein ausgeglichener Nährstoffkreislauf.

Beim Grundwasser sieht man das Problem

Auch hier müssen wir mit Zahlen vorsichtig umgehen.

Im allgemeinen deutschen EUA-Grundwassermessnetz lagen 2024 an rund 16 Prozent der Messstellen Nitratwerte oberhalb von 50 Milligramm pro Liter.

Bei Messstellen, die gezielt den Einfluss landwirtschaftlicher Nutzung auf oberflächennahes Grundwasser beobachten, waren es im Berichtszeitraum 2020 bis 2022 25,6 Prozent.

Das bedeutet ausdrücklich nicht:

Ein Viertel des gesamten deutschen Grundwassers ist über dem Schwellenwert.

Das EU-Nitratmessnetz ist bewusst auf landwirtschaftlich beeinflusste Standorte ausgerichtet und deshalb nicht repräsentativ für sämtliche Grundwasservorkommen Deutschlands.

Aber gerade deshalb ist die Zahl relevant.

Sie zeigt, dass dort, wo Landwirtschaft einen starken Einfluss auf das oberflächennahe Grundwasser hat, die Nitratbelastung weiterhin ein erhebliches Problem darstellt.

Und die Verbesserung verläuft langsam: Zwischen den beiden letzten Berichtsperioden sank der Anteil der landwirtschaftlich beeinflussten Messstellen oberhalb von 50 Milligramm lediglich von 26,6 auf 25,6 Prozent.

Weniger Bürokratie ist noch keine Lösung

Über die Düngeverordnung kann man streiten.

Man kann Dokumentationspflichten vereinfachen. Man kann überprüfen, ob jede Vorschrift sinnvoll, verständlich und praxistauglich ist. Landwirtschaft braucht keine Bürokratie um der Bürokratie willen.

Aber die entscheidende Frage lautet:

Was soll an die Stelle einer Regel treten, wenn wir sie abschaffen?

Denn die bisherigen Fortschritte kamen nicht von allein. Das Umweltbundesamt führt den Rückgang der Stickstoffüberschüsse ausdrücklich auch auf eine wirksamere Düngegesetzgebung zurück.

Darum reicht mir „weniger Vorschriften“ als politische Antwort nicht.

Wer Regeln abbauen will, sollte zeigen, wie Grundwasser, Böden und Ökosysteme mindestens genauso wirksam geschützt werden.

Denn ein Formular kann man abschaffen.

Den Stickstoffüberschuss nicht.

Und damit wird aus der Güllefrage wieder eine Strukturfrage.

Wie viele Tiere passen zu einer Region? Wie viel Futter wird von außen in das System gebracht? Wie viel Wirtschaftsdünger fällt anschließend an? Und steht genügend Fläche zur Verfügung, um diese Nährstoffe pflanzengerecht zu nutzen?

Das sind keine Fragen gegen Tierhaltung.

Es sind Fragen nach einem funktionierenden Kreislauf.

Und wenn dieser Kreislauf nicht funktioniert, bleiben die Folgen nicht auf dem Bauernhof.

Sie werden zur Rechnung für die Allgemeinheit.

Genau deshalb müssen wir im nächsten Kapitel darüber reden, welche Risiken die Gesellschaft übernehmen soll und wo staatliche Hilfe ihre Grenzen hat.


Kapitel 5: Hilfe ja. Dauerreflex nein.

Landwirtschaft ist ein Geschäft mit Risiken, die sich nur begrenzt kontrollieren lassen.

Ein Industriebetrieb kann seine Produktion drosseln. Ein Landwirt kann eine ausgesäte Kultur nicht einfach für drei Monate abschalten, wenn Regen ausbleibt. Saatgut, Dünger, Maschinen, Pacht und Arbeitszeit sind längst bezahlt, bevor feststeht, was am Ende geerntet wird.

Die Dürre 2026 zeigt dieses Risiko gerade sehr deutlich.

Deshalb halte ich staatliche Hilfe bei außergewöhnlichen, existenzbedrohenden Ereignissen grundsätzlich für legitim.

Aber Hilfe findet nicht im luftleeren Raum statt.

Die Landwirtschaft wird bereits dauerhaft unterstützt und entlastet. Und deshalb muss bei jeder zusätzlichen Forderung auch die Frage erlaubt sein:

Welche Risiken soll die Allgemeinheit übernehmen und welche bleiben unternehmerisches Risiko?

Der Agrardiesel ist bereits zurück

Ein gutes Beispiel ist der Agrardiesel.

Seit dem 1. Januar 2026 gilt die Agrardieselvergütung wieder vollständig. Land- und Forstwirte erhalten für betrieblich verwendeten Diesel 21,48 Cent Energiesteuer je Liter zurück.

Die Bundesregierung beziffert die dauerhafte Entlastung der Branche auf rund 430 Millionen Euro pro Jahr.

Dafür gibt es nachvollziehbare Argumente. Schwere Landmaschinen lassen sich nicht kurzfristig vollständig elektrifizieren. Landwirtschaft steht zudem im europäischen Wettbewerb.

Aber damit ist der Diesel bereits steuerlich begünstigt.

Wenn während einer Dürre zusätzlich weitere Entlastungen beim Diesel gefordert werden, darf man deshalb fragen, ob hier Ursache, Krisenhilfe und Zukunftspolitik noch sinnvoll zusammenpassen.

Denn dieselbe Landwirtschaft, die heute unter Hitze und Trockenheit leidet, muss gleichzeitig auf ein wärmeres und trockeneres Klima vorbereitet werden.

Nicht jede Forderung ist automatisch falsch

Auch hier sollten wir den Bauernverband nicht verkürzt darstellen.

Er fordert angesichts der aktuellen Krise nicht nur finanzielle Entlastungen. Zur Debatte gehören ebenso widerstandsfähigere Sorten, besserer Wasserrückhalt und ein verbessertes Risikomanagement.

Genau diese Punkte halte ich für entscheidend.

Denn die zentrale Antwort auf häufigere Dürren kann langfristig nicht darin bestehen, nach jedem Extremjahr entstandene Schäden mit immer neuen Hilfen auszugleichen.

Sie muss darin bestehen, die Schäden beim nächsten Mal kleiner zu machen.

Böden mit höherer Wasserspeicherfähigkeit. Angepasste Fruchtfolgen. Trockenheitsverträglichere Sorten. Besserer Wasserrückhalt in der Landschaft. Effizientere Bewässerung dort, wo sie ökologisch und wirtschaftlich sinnvoll ist.

Und selbstverständlich gehören dazu auch Versicherungen und betriebliches Risikomanagement.

Wer soll das Risiko tragen?

Genau hier wird die Debatte unangenehm.

Denn Landwirtschaft ist gleichzeitig Teil der Daseinsvorsorge und privatwirtschaftliche Tätigkeit.

Wir haben als Gesellschaft ein Interesse daran, dass landwirtschaftliche Betriebe nicht nach einer außergewöhnlichen Dürre reihenweise verschwinden. Deshalb kann gezielte Nothilfe sinnvoll sein.

Aber daraus kann kein allgemeines Prinzip entstehen:

Gewinne bleiben privat, außergewöhnliche Verluste übernimmt möglichst der Staat.

So funktioniert eine soziale Marktwirtschaft auf Dauer nicht.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Bauern mit anderen Unternehmen gleichzusetzen, als spielten Wetter und Ernährungssicherheit keine besondere Rolle.

Es geht um die Grenze zwischen Solidarität und dauerhafter Risikoübernahme.

Diese Grenze muss politisch definiert werden.

Lieber Vorsorge finanzieren als Schäden bezahlen

Und genau hier würde ich öffentliche Milliarden anders einsetzen.

Wenn der Staat Geld ausgibt, um Landwirtschaft gegen die Folgen des Klimawandels zu schützen, dann möglichst bevor die Ernte vertrocknet.

Für Wasserrückhalt.

Für Bodenaufbau.

Für klimaangepasste Kulturen.

Für Forschung und Züchtung.

Für Investitionen in effizientere Bewässerung, wo ausreichend Wasser nachhaltig verfügbar ist.

Für Maßnahmen, die einen Betrieb beim nächsten Extremereignis widerstandsfähiger machen.

Das ist ebenfalls Subvention.

Aber es ist eine Subvention mit einem Ziel.

Sie finanziert nicht nur den entstandenen Schaden.

Sie reduziert das Risiko des nächsten Schadens.

Genau darum geht es

Die Dürre 2026 kann außergewöhnliche Hilfe rechtfertigen. Wer unverschuldet vor einer existenziellen Notlage steht, sollte nicht aus ideologischen Gründen allein gelassen werden.

Aber aus einer akuten Krise darf kein Dauerreflex werden.

Mehr Geld. Billigerer Diesel. Nächster Fördertopf.

Das reicht als Antwort auf den Klimawandel nicht.

Wenn öffentliche Gelder fließen, sollten sie zunehmend dazu beitragen, dass Landwirtschaft weniger verwundbar wird.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob der Staat Bauern helfen darf.

Natürlich darf er das.

Die wichtigere Frage lautet:

Wofür gibt er sein Geld aus: für den Schaden von gestern oder für die Landwirtschaft von morgen?

Und genau diese zweite Möglichkeit existiert längst. Es gibt bereits Förderinstrumente, die Umweltleistungen, widerstandsfähigere Böden und nachhaltigere Bewirtschaftung honorieren.

Darum geht es im nächsten Kapitel.


Kapitel 6: Das Geld kann Veränderung finanzieren

Bis hierhin könnte der Eindruck entstehen, Agrarförderung sei vor allem Teil des Problems.

Das wäre falsch.

Denn ausgerechnet das bestehende Fördersystem zeigt, wie eine andere Agrarpolitik funktionieren kann: Öffentliche Gelder können nicht nur Einkommen stützen oder Krisenschäden abfedern. Sie können gezielt Leistungen bezahlen, von denen die gesamte Gesellschaft profitiert.

Und genau dort sollte künftig mehr Gewicht liegen.

Öffentliches Geld für öffentliche Leistungen

Ein Beispiel sind die sogenannten Öko-Regelungen der Gemeinsamen Agrarpolitik.

Für sie steht in Deutschland jährlich rund eine Milliarde Euro zur Verfügung. Landwirte können freiwillig zusätzliche Umwelt- und Klimaleistungen erbringen und erhalten dafür Geld. Die Maßnahmen müssen über die ohnehin geltenden Anforderungen hinausgehen.

Gefördert werden unter anderem zusätzliche Flächen für Biodiversität, Blühstreifen, vielfältigere Fruchtfolgen, Agroforst, extensivere Grünlandbewirtschaftung oder der Verzicht auf bestimmte Pflanzenschutzmittel.

Das Prinzip gefällt mir wesentlich besser als eine überwiegend an Fläche orientierte Förderung:

Wer eine zusätzliche Leistung für die Allgemeinheit erbringt, bekommt diese Leistung bezahlt.

Das ist keine Strafe für Landwirtschaft.

Es ist die Anerkennung ihrer Arbeit.

Denn wenn wir von Landwirten sauberes Wasser, Artenvielfalt, gesunde Böden, weniger Pflanzenschutz und mehr Klimaschutz verlangen, können wir nicht gleichzeitig erwarten, dass sie die Kosten allein tragen.

Gerade die Dürre zeigt, wofür wir bezahlen sollten

Die aktuelle Trockenheit macht diese Frage besonders konkret.

Ein Boden mit guter Struktur und hohem Humusgehalt kann Wasser besser aufnehmen und speichern. Vielfältige Fruchtfolgen können betriebliche Risiken verteilen. Agroforstsysteme können unter bestimmten Bedingungen Wind bremsen, Verdunstung beeinflussen und Mikroklima sowie Bodenschutz verbessern.

Keine dieser Maßnahmen lässt es regnen.

Auch ein Biobetrieb ist nicht automatisch dürreresistent.

Das muss man so deutlich sagen.

Aber wenn Extremwetter häufiger wird, sollte öffentliche Förderung stärker dort ansetzen, wo Landwirtschaft widerstandsfähiger werden kann.

Das wäre für mich sinnvollere Krisenpolitik:

Nicht erst bezahlen, wenn die Ernte vertrocknet ist. Sondern auch dafür bezahlen, dass Böden und Betriebe besser durch die nächste Trockenperiode kommen.

Bio zeigt gleichzeitig Chancen und Grenzen

Auch der ökologische Landbau gehört in diese Debatte.

Nach der vom Bundeslandwirtschaftsministerium verwendeten Erfassung wurden zuletzt rund 1,9 Millionen Hektar und damit etwa 11,5 Prozent der deutschen Landwirtschaftsfläche ökologisch bewirtschaftet. Je nach statistischer Methode fallen die Werte etwas unterschiedlich aus.

Das politische Ziel von 30 Prozent Ökolandbau bis 2030 liegt damit noch weit entfernt. Das Umweltbundesamt geht bei der bisherigen Entwicklung davon aus, dass es voraussichtlich nicht erreicht wird.

Interessant ist dabei die Marktseite.

Deutschland ist Europas größter Markt für Biolebensmittel. Gleichzeitig weist das Umweltbundesamt darauf hin, dass die Nachfrage nach Bioprodukten das heimische Angebot bei verschiedenen Produkten übersteigt und deshalb ein Teil importiert werden muss.

Hier existiert also durchaus wirtschaftliches Potenzial für heimische Betriebe.

Aber auch daraus darf man keinen einfachen Satz machen:

Bio ist nicht automatisch die Lösung für alles.

Ökologischer Landbau benötigt wegen geringerer Erträge bei vielen Kulturen mehr Fläche je erzeugter Einheit. Auch Biobetriebe müssen wirtschaftlich arbeiten. Und ein Markt lässt sich nicht per Förderbescheid verdreifachen.

Deshalb halte ich wenig von der Forderung, einfach jeden Betrieb auf Bio umzustellen.

Darum geht es auch gar nicht.

Konventionell kann ebenfalls nachhaltig sein

Die entscheidende Trennlinie verläuft nicht zwischen „guten Biobauern“ und „schlechten konventionellen Bauern“.

Auch ein konventioneller Betrieb kann Humus aufbauen, vielfältige Fruchtfolgen nutzen, Pflanzenschutz reduzieren, Gewässer schützen, Agroforst betreiben oder Grünland extensiver bewirtschaften.

Und genau dafür existieren die Öko-Regelungen.

Das ist wichtig, weil eine zukunftsfähige Agrarpolitik Hunderttausende Betriebe erreichen muss und nicht nur diejenigen, die vollständig auf ökologischen Landbau umstellen.

Der Maßstab sollte deshalb nicht zuerst das Etikett sein.

Der Maßstab sollte die konkrete Leistung sein.

Was verbessert sich beim Boden?

Was verbessert sich beim Wasser?

Was verbessert sich bei Biodiversität und Klima?

Und was bekommt der Landwirt dafür?

Dann darf es auch viel Geld kosten

Ich bin deshalb ausdrücklich nicht dafür, den Agrarhaushalt einfach zusammenzustreichen.

Wenn ein Landwirt Flächen für Artenvielfalt bereitstellt, soll er dafür bezahlt werden.

Wenn er einen Stall für bessere Tierhaltung umbaut, darf der Staat sich beteiligen.

Wenn er in Wasserrückhalt, Bodenschutz oder klimaangepasste Bewirtschaftung investiert, darf das gefördert werden.

Und wenn kleine und mittlere Betriebe gesellschaftlich gewollt sind, darf auch deren Erhalt Geld kosten.

Nur sollte die Gegenleistung klarer werden.

Öffentliches Geld für öffentliche Leistungen.

Dieser Grundsatz wird inzwischen auch von der Bundesregierung für die Weiterentwicklung der europäischen Agrarpolitik nach 2027 ausdrücklich vertreten. Gemeinwohlleistungen in den Bereichen Klima, Umwelt, Natur und Tierwohl sollen stärker einkommenswirksam honoriert werden.

Das ist aus meiner Sicht der richtige Weg.

Denn Agrarsubventionen sollten nicht hauptsächlich Vergangenheit konservieren.

Sie sollten Zukunft finanzieren.

Und zu dieser Zukunft gehört noch ein Bereich, bei dem die Gesellschaft seit Jahren höhere Standards verlangt und Landwirte gleichzeitig vor enormen Investitionskosten stehen:

die Tierhaltung.


Kapitel 7: Tierwohl kostet Geld. Tierleid auch.

Wenn wir darüber reden, welche Landwirtschaft mit öffentlichen Milliarden gefördert werden soll, kommen wir an der Tierhaltung nicht vorbei.

Denn hier treffen fast alle Konflikte dieses Artikels aufeinander.

Wirtschaftlichkeit. Verbraucherpreise. Futtermittel. Flächenbedarf. Umweltbelastung. Staatliche Förderung. Und die Frage, welche Lebensbedingungen wir Nutztieren zumuten wollen.

Dabei hilft es wenig, nur über „Massentierhaltung“ zu schimpfen.

Wir müssen genauer hinschauen.

Weniger Betriebe, größere Bestände

Im Mai 2026 wurden in Deutschland rund 21 Millionen Schweine gehalten.

Zehn Jahre zuvor gab es noch rund 24.500 schweinehaltende Betriebe. 2026 waren es nur noch 14.700.

Die Zahl der Betriebe sank damit innerhalb eines Jahrzehnts um rund 40 Prozent. Der Schweinebestand ging im gleichen Zeitraum um 22,5 Prozent zurück.

Das Ergebnis: Die durchschnittliche Zahl der Schweine je Betrieb stieg von etwa 1.100 auf rund 1.400 Tiere.

Das Statistische Bundesamt beschreibt ausdrücklich einen langfristigen Trend zu größeren Betrieben.

Das passt zu dem Strukturwandel, den wir bereits im ersten Kapitel gesehen haben:

Weniger Betriebe halten einen zunehmend konzentrierten Teil der Produktion.

Aber auch hier gilt: Groß bedeutet nicht automatisch schlecht.

„Massentierhaltung“ ist kein brauchbarer Maßstab

Der Begriff ist politisch wirksam, fachlich aber unscharf.

Es gibt keine bestimmte Zahl von Schweinen, Rindern oder Hühnern, ab der aus Tierhaltung automatisch „Massentierhaltung“ wird. Und aus der Zahl der Tiere allein lässt sich nicht zuverlässig ableiten, wie gut oder schlecht sie gehalten werden.

Ein großer moderner Stall kann bessere Bedingungen bieten als ein kleiner veralteter.

Entscheidend sind andere Fragen:

Wie viel Platz haben die Tiere? Können sie sich artgemäß bewegen? Gibt es Beschäftigungsmaterial? Wie sind Stallklima, Gesundheitszustand und Betreuung? Wie hoch sind Verletzungs- und Krankheitsraten?

Deshalb sollten wir nicht die Größe eines Betriebes zum moralischen Maßstab machen.

Der Maßstab muss das Tierwohl sein.

Der Kastenstand zeigt, wie langsam Veränderung sein kann

Besonders deutlich wird der Konflikt bei Zuchtsauen.

Der sogenannte Kastenstand schränkt die Bewegungsfreiheit einer Sau erheblich ein. Die Tiere können darin je nach Ausgestaltung kaum mehr als stehen oder liegen.

Nach jahrelangen politischen und juristischen Auseinandersetzungen wurden die Regeln verschärft.

Im Deckzentrum soll die Kastenstandhaltung nach Ablauf der Übergangsregelungen grundsätzlich beendet werden. Für bestehende Anlagen gilt regulär eine Übergangsfrist bis 2029, unter bestimmten Voraussetzungen sind Verlängerungen möglich.

Noch länger dauert der Umbau im Abferkelbereich.

Für bestimmte bestehende Anlagen reichen die gesetzlichen Übergangsregelungen bis 2036. Danach ist die Fixierung der Sau rund um die Geburt nur noch für einen deutlich begrenzteren Zeitraum vorgesehen.

Die langen Fristen haben einen nachvollziehbaren Hintergrund.

Ställe werden für Jahrzehnte gebaut. Ein Umbau kann Hunderttausende Euro kosten. Wer gestern nach geltendem Recht investiert hat, kann nicht jeden Stall morgen abreißen.

Das ist die wirtschaftliche Seite.

Aber es gibt eben auch die andere:

Für ein Tier sind 15 Jahre Übergangsfrist kein Übergang. Es ist sein ganzes Leben und das vieler Generationen danach.

Genau deshalb ist Tierwohl nicht nur eine Frage des Rechts. Es ist eine Frage politischer Prioritäten.

Wer höhere Standards verlangt, muss über Geld reden

Hier wäre es allerdings billig, sämtliche Verantwortung bei den Landwirten abzuladen.

Die Gesellschaft verlangt bessere Tierhaltung und greift gleichzeitig im Supermarkt häufig zum günstigsten Fleisch.

Der Handel übt Preisdruck aus. Landwirte müssen ihre Investitionen finanzieren. Neue Ställe kosten viel Geld und benötigen Planungssicherheit.

Wer bessere Tierhaltung will, muss deshalb akzeptieren:

Bessere Tierhaltung kostet Geld.

Der Staat kann und sollte den Umbau unterstützen.

Genau das geschieht bereits. Der Bund hatte für den Umbau der Schweinehaltung ein Förderprogramm aufgelegt, das Investitionen in besonders tiergerechte Ställe mitfinanzierte. Dieses Bundesprogramm wird 2026 vorzeitig beendet; die Förderung soll künftig wieder stärker über die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ organisiert werden.

Auch hier zeigt sich allerdings ein Problem der Agrarpolitik:

Landwirte sollen für Jahrzehnte investieren, während sich Förderbedingungen und politische Vorgaben innerhalb weniger Jahre verändern können.

Wer einen Stall umbauen soll, braucht verlässliche Rahmenbedingungen.

Weniger Tiere kann Teil der Rechnung sein

Eine bessere Tierhaltung benötigt häufig mehr Platz pro Tier. Sie verursacht Investitionen und kann die Produktionskosten erhöhen.

Deshalb müssen wir auch über eine unbequeme Konsequenz sprechen:

Vielleicht besteht die Zukunft nicht darin, dieselbe Menge Fleisch unter immer höheren Standards genauso billig zu produzieren.

Vielleicht bedeutet bessere Tierhaltung auch:

weniger Tiere, bessere Bedingungen und einen höheren Wert des einzelnen Produkts.

Das würde zugleich andere Bereiche berühren, die wir bereits untersucht haben.

Weniger Tiere können weniger Futtermittelbedarf bedeuten.

Weniger importierte Nährstoffe.

Weniger Gülle.

Weniger regionalen Druck auf Nährstoffkreisläufe.

Aber auch hier gilt: Das ist kein Automatismus. Entscheidend sind Tierart, Haltung, Fütterung, Flächenbindung und regionale Strukturen.

Eine seriöse Agrarpolitik sollte deshalb nicht einfach eine möglichst hohe oder möglichst niedrige Tierzahl zum Ziel erklären.

Sie sollte fragen:

Wie viele Tiere können wir unter guten Bedingungen halten, wirtschaftlich sinnvoll ernähren und in funktionierende regionale Nährstoffkreisläufe integrieren?

Der billige Preis hat seinen Preis

Am Ende können wir nicht gleichzeitig alles verlangen.

Billiges Fleisch.

Hohe Einkommen für Landwirte.

Beste Tierwohlstandards.

Geringe Umweltbelastung.

Keine staatlichen Zuschüsse.

Das geht rechnerisch nicht zusammen.

Irgendjemand bezahlt die tatsächlichen Kosten.

Der Verbraucher an der Kasse.

Der Steuerzahler über Förderprogramme.

Der Landwirt über geringere Margen.

Die Umwelt über Folgekosten.

Oder das Tier über schlechtere Haltungsbedingungen.

Deshalb halte ich öffentliche Förderung beim Tierwohl ausdrücklich für richtig.

Aber auch hier gilt der Grundsatz aus dem vorherigen Kapitel:

Öffentliches Geld muss öffentliche Leistung kaufen.

Wenn wir Stallumbauten finanzieren, müssen Tiere anschließend nachweisbar besser leben.

Wenn wir Tierhaltung fördern, muss sie stärker zu Fläche und Nährstoffkreisläufen passen.

Und wenn höhere Standards Fleisch teurer machen, müssen wir diese Wahrheit aussprechen, statt sie mit immer neuen Subventionen zu verstecken.

Damit sind wir am Kern dieses Artikels angekommen.

Es geht nicht darum, Landwirtschaft weniger zu unterstützen.

Es geht darum, endlich klarer zu entscheiden, welche Landwirtschaft wir mit Milliarden unterstützen wollen.


Schlusskapitel: Nicht weniger Landwirtschaft. Eine andere Landwirtschaft.

Nach sieben Kapiteln über Höfesterben, Milliardenförderung, Tierfutter, Stickstoff, Dürre, Klimaanpassung und Tierwohl bleibt für mich eine zentrale Erkenntnis:

Deutschland hat nicht in erster Linie ein Problem mit zu wenig Agrarförderung. Wir haben ein Problem mit ihren Prioritäten.

Das ist ein Unterschied.

Landwirtschaft braucht öffentliche Unterstützung. Sie produziert Lebensmittel, prägt Landschaften und erbringt Leistungen, die sich nicht vollständig über den Preis von Milch, Fleisch oder Getreide finanzieren lassen.

Aber gerade weil Milliarden öffentliches Geld fließen, darf die Gesellschaft fragen, was sie damit erreichen will.

Und die Bilanz ist widersprüchlich.

2023 gab es noch rund 255.000 landwirtschaftliche Betriebe. Seit 2020 waren etwa 7.800 verschwunden. Die bewirtschaftete Fläche blieb mit rund 16,6 Millionen Hektar nahezu konstant. Der Strukturwandel hin zu weniger und größeren Betrieben geht weiter.

Wir stabilisieren Landwirtschaft also seit Jahrzehnten mit öffentlichen Mitteln.

Aber wir stabilisieren offensichtlich nicht jeden landwirtschaftlichen Betrieb.

Ernährungssicherheit ist mehr als Produktionsmenge

Gleichzeitig verwenden wir einen erheblichen Teil unserer landwirtschaftlichen Produktion nicht unmittelbar für Lebensmittel.

Von 39,2 Millionen Tonnen Getreide, die 2024/25 im Inland verwendet wurden, gingen rund 20 Millionen Tonnen ins Tierfutter.

Hinzu kamen acht Millionen Tonnen Ölkuchen und Schrote, die vollständig verfüttert wurden.

Das macht Tierhaltung nicht überflüssig. Grünland lässt sich nicht einfach zum Gemüseacker machen. Nicht jedes Getreide besitzt Lebensmittelqualität. Tiere können zudem Nebenprodukte verwerten, die Menschen nicht essen.

Aber die Zahlen zeigen, dass Ernährungssicherheit komplizierter ist als der Satz: „Wir produzieren Lebensmittel.“

Deshalb darf Agrarpolitik stärker fragen:

Was produzieren wir? Wo produzieren wir es? Wofür verwenden wir unsere Flächen? Und welche Produktion wollen wir besonders fördern?

Auch die Umweltbilanz ist nicht schwarz oder weiß

Beim Stickstoff haben Landwirte erhebliche Fortschritte erzielt.

Der Stickstoffüberschuss sank im gleitenden Fünfjahresmittel seit 1994 von 117 auf rund 70 Kilogramm je Hektar und Jahr. Das ist ein Rückgang um etwa 40 Prozent.

Das gehört zur Wahrheit.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass regional weiterhin erhebliche Probleme bestehen und das Umweltbundesamt unterschiedliche Viehbesatzdichten und damit verbundene Wirtschaftsdüngermengen ausdrücklich als wichtigen Faktor nennt.

Deshalb führt die Debatte auch hier nicht weiter, wenn eine Seite nur „Umweltverschmutzer“ ruft und die andere nur „Bürokratieabbau“.

Wir brauchen funktionierende Nährstoffkreisläufe.

Und Regeln müssen daran gemessen werden, ob sie dieses Ziel wirksam und mit möglichst wenig unnötiger Bürokratie erreichen.

Die Dürre verändert die Frage

Und dann kommt 2026.

Trockenheit. Ernteausfälle. Futtermangel. In besonders betroffenen Regionen drohen erhebliche Schäden bis hin zu Totalausfällen einzelner Kulturen. Der Bauernverband fordert zusätzliche Hilfen, darunter höhere Düngemittelbeihilfen, vorgezogene Direktzahlungen und weitere Entlastungen beim Diesel.

Dass betroffene Landwirte Hilfe verlangen, ist legitim.

Dass der Staat bei existenzbedrohenden außergewöhnlichen Schäden hilft, halte ich ebenfalls für richtig.

Aber die Dürre stellt uns vor eine größere Frage:

Wie lange wollen wir hauptsächlich Schäden bezahlen, statt stärker dafür zu bezahlen, dass Schäden kleiner werden?

Denn niemand kann garantieren, dass 2026 ein Ausnahmejahr bleibt.

Genau deshalb sollten Wasserrückhalt, Bodenqualität, klimaangepasste Sorten, widerstandsfähigere Anbausysteme und betriebliches Risikomanagement einen höheren Stellenwert bekommen.

Nicht irgendwann.

Jetzt.

Die Alternative existiert bereits

Wir müssen dafür die Agrarförderung nicht neu erfinden.

Ein Teil des Systems funktioniert bereits nach diesem Prinzip.

Für Öko-Regelungen stehen rund eine Milliarde Euro jährlich zur Verfügung. Bezahlt werden freiwillige zusätzliche Leistungen für Umwelt, Klima und teilweise Tierwohl.

Und selbst die Bundesregierung hat für die Weiterentwicklung der Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2027 formuliert, was eigentlich die Überschrift einer modernen Agrarpolitik sein müsste:

„Öffentliches Geld für öffentliche Leistungen.“

Genau diesen Gedanken würde ich konsequenter verfolgen.

Nicht weniger Landwirtschaft.

Nicht weniger Unterstützung um jeden Preis.

Eine andere Gewichtung der Unterstützung.


Fazit: Subventionen sollten Zukunft finanzieren

Ich habe kein grundsätzliches Problem damit, dass Bauern Subventionen bekommen.

Im Gegenteil.

Wenn wir als Gesellschaft kleinere und mittlere Betriebe erhalten wollen, darf das Geld kosten.

Wenn wir bessere Tierhaltung wollen, darf das Geld kosten.

Wenn Landwirte Flächen für Artenvielfalt bereitstellen, darf das Geld kosten.

Wenn wir Grundwasser schützen, Böden verbessern und Wasser länger in der Landschaft halten wollen, darf das Geld kosten.

Wenn sich Landwirtschaft an Hitze und Trockenheit anpassen muss, darf auch das Geld kosten.

Aber dann sollten wir genau dafür bezahlen.

Ich halte deshalb zwei politische Antworten für gleichermaßen zu einfach.

Die erste lautet:

„Subventionen abschaffen.“

Das würde viele Betriebe treffen, die wir gesellschaftlich gerade erhalten wollen.

Die zweite lautet:

„Wir brauchen mehr Geld.“

Auch das reicht nicht.

Denn mehr Geld beantwortet noch nicht die Frage, welches Problem damit gelöst werden soll.

Meine Antwort lautet deshalb:

Anders verteilen.

Stärker zugunsten kleinerer und mittlerer Betriebe, wenn wir deren Strukturen erhalten wollen.

Stärker für konkrete Umweltleistungen.

Stärker für Wasserrückhalt und widerstandsfähige Böden.

Stärker für Tierwohl.

Stärker für Klimaanpassung.

Und dort, wo Böden, Klima und Fruchtfolgen es sinnvoll ermöglichen, stärker für die direkte Lebensmittelproduktion für Menschen.

Nicht jeder große Betrieb ist schlecht.

Nicht jeder kleine Betrieb ist gut.

Nicht jeder Biobetrieb ist automatisch nachhaltig.

Nicht jeder konventionelle Betrieb wirtschaftet umweltschädlich.

Der Maßstab sollte deshalb weniger das Etikett sein.

Der Maßstab sollte die Leistung sein, die wir mit öffentlichem Geld bekommen.

Das ist für mich der Kern der ganzen Recherche.

Agrarsubventionen sollten nicht hauptsächlich Vergangenheit konservieren.

Sie sollten Zukunft finanzieren.

Einen Hof erhalten, den wir erhalten wollen.

Einen Stall tatsächlich tiergerechter machen.

Einen Boden so bewirtschaften, dass er Wasser besser aufnehmen und speichern kann.

Nährstoffüberschüsse reduzieren.

Umweltleistungen bezahlen.

Und Landwirtschaft dabei unterstützen, unter Bedingungen wirtschaften zu können, die sich längst verändern.

Die Dürre 2026 ist deshalb nicht nur eine schlechte Ernte.

Sie ist ein Stresstest für eine Agrarpolitik, die jedes Jahr Milliarden verteilt.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir unseren Landwirten helfen.

Natürlich tun wir das.

Die Frage lautet, ob wir mit diesem Geld nur die nächste Krise überbrücken oder die Landwirtschaft auf die nächste Krise vorbereiten.

Denn eines kann auch der größte Fördertopf nicht:

Regen kaufen.


Quellenregister

1. Agrarstruktur und Höfesterben

Statistisches Bundesamt, Agrarstrukturerhebung 2023. 255.000 landwirtschaftliche Betriebe, rund 16,6 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche, 7.800 Betriebe weniger als 2020 und Anstieg der durchschnittlichen Betriebsgröße auf 65 Hektar. (Destatis)

Destatis: Agrarstrukturerhebung 2023

2. Gemeinsame Agrarpolitik und Direktzahlungen

Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Informationen zur Gemeinsamen Agrarpolitik 2023 bis 2027, Direktzahlungen, Konditionalität, Einkommensgrundstützung und Förderinstrumente.

BMLEH: Direktzahlungen der GAP

3. Öko-Regelungen

BMLEH. Rund eine Milliarde Euro jährlich für freiwillige zusätzliche Leistungen in den Bereichen Umwelt, Klima und teilweise Tierwohl. Dazu gehören unter anderem Biodiversitätsflächen, vielfältige Ackerkulturen, extensives Grünland, Agroforst und der Verzicht auf bestimmte Pflanzenschutzmittel. (BMEL)

BMLEH: Öko-Regelungen

4. Agrarpolitik nach 2027

Positionspapier der Bundesregierung zur zukünftigen GAP. Darin wird ausdrücklich eine stärkere Orientierung am Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“ gefordert. (BMEL)

BMLEH: Positionspapier zur GAP nach 2027

5. Getreide und Tierfutter

Bundesinformationszentrum Landwirtschaft/BMLEH-Statistik, Versorgungsbilanz Getreide 2024/25. Inlandsverwendung 39,2 Millionen Tonnen; rund 20 Millionen Tonnen beziehungsweise gut die Hälfte wurden als Futtermittel verwendet. (BMEL-Statistik)

BMLEH-Statistik: Getreide-Versorgungsbilanz

6. Eiweißfuttermittel

BMLEH-Statistik, Versorgungsbilanz Ölkuchen und Ölschrote 2024/25. Acht Millionen Tonnen Verbrauch, vollständig als Futtermittel; davon rund 3,1 Millionen Tonnen Sojaerzeugnisse. (BMEL-Statistik)

BMLEH-Statistik: Ölkuchen und Ölschrote

7. Stickstoff und Nährstoffüberschüsse

Umweltbundesamt. Entwicklung des landwirtschaftlichen Stickstoffüberschusses, regionale Unterschiede, Zusammenhang mit Viehbesatz und Wirtschaftsdünger sowie Umweltwirkungen von Nitrat, Ammoniak und Lachgas. Der Stickstoffüberschuss sank im gleitenden Fünfjahresmittel von 117 auf rund 70 Kilogramm je Hektar und Jahr. (Umweltbundesamt)

Umweltbundesamt: Stickstoffeintrag aus der Landwirtschaft

8. Ökologischer Landbau

Statistisches Bundesamt und Umweltbundesamt. Destatis ermittelte für 2023 einen Anteil ökologisch bewirtschafteter Flächen von 11,2 Prozent; andere Erfassungsmethoden kommen aufgrund unterschiedlicher Datengrundlagen auf leicht abweichende Werte. (Destatis)

Destatis: Ökologischer Landbau

9. Schweinehaltung und Strukturwandel

Statistisches Bundesamt, Viehbestandserhebung Mai 2026. Rund 21 Millionen Schweine in 14.700 Betrieben. Gegenüber 2016 sank die Zahl der schweinehaltenden Betriebe um 40 Prozent und der Schweinebestand um 22,5 Prozent. Die durchschnittliche Bestandsgröße stieg von etwa 1.100 auf rund 1.400 Tiere. (Destatis)

Destatis: Schweinehaltung Mai 2026

10. Kastenstand und Übergangsfristen

Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, § 45. Übergangsregelungen für bestehende Anlagen in der Sauenhaltung, unter anderem bis Februar 2029 beziehungsweise für bestimmte Abferkelanlagen bis Februar 2036. (Gesetze im Internet)

Gesetze im Internet: § 45 TierSchNutztV

11. Dürre und aktuelle Forderungen 2026

Aktuelle Berichterstattung vom 14. August 2026 zu den Ernteausfällen und Forderungen des Deutschen Bauernverbandes. Genannt werden unter anderem eine Aufstockung der Düngemittelbeihilfe, vorgezogene Direktzahlungen und eine weitere Entlastung beim Diesel. Gleichzeitig werden Anpassungsmaßnahmen wie widerstandsfähigere Pflanzensorten thematisiert. (tagesschau.de)

Tagesschau: Bauernverband warnt vor Ernteausfällen

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Von Karlheinz Skorwider

Karlheinz Skorwider – CEO, Autor & Redakteur Unabhängiger Medien- und Werbeberater mit über 23 Jahren Erfahrung. Beobachter politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, mit klarem Blick auf Sprache, Machtstrukturen und öffentliche Debatten. Vater von drei Kindern, schreibt an dystopischen sowie gesellschaftskritischen Romanen und arbeitet an Projekten politischer Aufklärung. Bei QuelleX verbindet er kritische Analyse mit erzählerischer Schärfe – stets auf der Suche nach Klarheit, Haltung und Perspektive jenseits der Schlagzeilen.

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