Plötzlich entdeckt die rechte Empörungsgemeinschaft ihre Liebe zu Anstand, Menschenwürde und politischer Verantwortung. Ausgerechnet aus einem politischen Milieu, in dem seit Jahren Gewaltfantasien, Hass und Menschenverachtung dokumentiert werden, kommt jetzt die große moralische Empörung über einen Fernsehsketch.

Und ich frage mich: Wie glaubwürdig ist diese Empörung eigentlich?

Ein blauer Simson-Roller, ein weißer Helm, ein breit grinsender Jan Böhmermann. Dann kommt ein Lastwagen. Der Rollerfahrer wird erfasst und mehrfach überrollt.

Die Szene stammt aus dem ZDF Magazin Royale vom 2. Oktober 2026. Viele erkennen darin eine Anspielung auf den AfD-Politiker Ulrich Siegmund, der mit einer solchen Simson durch den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt gefahren ist.

Siegmund selbst spricht von „Gewaltfantasien niederträchtigster Art“. Beim ZDF sind inzwischen Beschwerden im dreistelligen Bereich eingegangen. Der Sender verteidigt den Einspieler als Satire und bestreitet eine gezielte Darstellung Siegmunds.

Und ich sage zunächst etwas, das vielleicht manchen überraschen wird:

Ich finde diesen Gag ziemlich plump.

Das wiederholte Überrollen brauche ich persönlich nicht. Ich erkenne darin keinen besonders raffinierten politischen Gedanken. Gute Satire kann intelligenter sein.

Aber genau hier beginnt eine andere, viel interessantere Frage.

Ist diese Satire möglicherweise auch eine Konsequenz des gesellschaftlichen Klimas, das die AfD und Teile ihrer Gefolgschaft seit Jahren mitgeprägt haben?

Denn wer über politische Gewaltfantasien sprechen möchte, sollte vielleicht nicht erst am 2. Oktober 2026 damit anfangen.


Erinnern wir uns doch einmal.

Holger Arppe: Gruben und Löschkalk

2017 veröffentlichten NDR und taz Recherchen über den damaligen AfD-Fraktionsvize Holger Arppe aus Mecklenburg-Vorpommern.

In den ihm zugeschriebenen Chatprotokollen ging es um die Hinrichtung politischer Gegner, um Vergewaltigungsfantasien und um die Vorstellung, Andersdenkende nach einer Machtübernahme zu beseitigen.

Da war von Gruben und Löschkalk die Rede. Politische Gegner sollten an die Wand gestellt werden.

Arppe bestritt die Urheberschaft. Das Landesschiedsgericht der AfD sah die betreffenden Chatbeiträge nach einer Beweisaufnahme jedoch als von ihm verfasst an. 2018 wurde er aus der Partei ausgeschlossen.

Keine Satire. Kein Fernsehsketch.

Sondern dokumentierte Gewaltfantasien über reale Menschen.


Marcel Grauf: Millionen Tote, Frauen und Kinder

2018 wurden Chatprotokolle von Marcel Grauf bekannt, einem Mitarbeiter zweier AfD-Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg.

Darin wünschte er sich einen Bürgerkrieg mit Millionen Toten. Frauen und Kinder waren ausdrücklich eingeschlossen.

Er fantasierte davon, auf Leichen zu urinieren und auf Gräbern zu tanzen.

Das Oberlandesgericht Karlsruhe erlaubte 2019 die Berichterstattung über diese Äußerungen und sah die Zuordnung der Chatprotokolle als hinreichend glaubhaft an.

Hier ging es nicht darum, jemanden in einer satirischen Fernsehsendung überfahren zu lassen.

Hier ging es um den Wunsch nach einem tatsächlichen Bürgerkrieg.

Christian Lüth: Migranten erschießen oder vergasen

2020 wurde bekannt, was der frühere Pressesprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Christian Lüth, bei einem heimlich gefilmten Gespräch geäußert hatte.

Er sprach darüber, Migranten später erschießen oder vergasen zu können.

Die AfD-Bundestagsfraktion entließ ihn nach Veröffentlichung der Aufnahmen fristlos.

Man muss sich diese Worte einmal bewusst machen.

Erschießen. Vergasen.

Begriffe, die angesichts der deutschen Geschichte eine besondere Bedeutung haben.

Und sie kamen aus dem beruflichen Umfeld der AfD-Bundestagsfraktion.

Beatrix von Storch: Schusswaffengebrauch gegen Frauen und Kinder?

Am 31. Januar 2016 wurde die damalige stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch auf Facebook gefragt, ob sie tatsächlich Frauen mit Kindern an der deutschen Grenze notfalls mit Waffengewalt zurückhalten wolle.

Ihre Antwort bestand aus einem einzigen Wort:

„Ja.“

Erst nach öffentlicher Kritik erklärte sie, ihre Antwort habe sich nicht auf Kinder bezogen.

Gegen Frauen hielt sie den Schusswaffeneinsatz unter bestimmten Bedingungen zunächst weiterhin für zulässig.

Später bezeichnete sie ihre Äußerungen insgesamt als Fehler und erklärte, niemand wolle auf Menschen schießen.

Auch das gehört zur vollständigen Geschichte.

Aber das ursprüngliche „Ja“ ist dokumentiert.

Björn Höcke: Wenn Grausamkeit zur politischen Vorstellung wird

Und dann wäre da noch Björn Höcke.

Kein ehemaliger Mitarbeiter. Kein längst ausgeschlossener Funktionär. Sondern einer der bekanntesten Köpfe der AfD.

In seinem 2018 erschienenen Buch Nie zweimal in denselben Fluß beschreibt Höcke seine Vorstellung einer politischen Neuordnung Deutschlands.

Er spricht von einem großangelegten „Remigrationsprojekt“ und einer Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“.

Dann folgt dieser Satz:

„Das heißt, dass sich menschliche Härten und unschöne Szenen nicht immer vermeiden lassen werden.“

Seite 254.

Man muss sich die Bedeutung dieser Worte vor Augen führen.

Hier beschreibt ein führender AfD-Politiker ein politisches Vorhaben, bei dessen Umsetzung er menschliches Leid ausdrücklich einkalkuliert.

Höcke erklärt an anderer Stelle, man solle möglichst human vorgehen. Gleichzeitig beschreibt er Grausamkeit und menschliche Härten als kaum vermeidbare Begleiterscheinungen seiner politischen Vorstellungen.

Ich empfinde diese Formulierungen als eine politische Drohung gegenüber den Menschen, die von einem solchen Vorhaben betroffen wären.

Und ausgerechnet jetzt sollen wir darüber diskutieren, dass Böhmermann in einer fiktiven Fernsehszene auf einem Roller von einem Lastwagen überfahren wird?

Darüber können wir diskutieren.

Aber dann müssen wir auch darüber sprechen, welche Grenzen Björn Höcke mit solchen Aussagen verschiebt.


Fünf Minuten Aktivistmuss. Und dann reden wir noch einmal.

Ich habe einen ganz einfachen Vorschlag an alle, die sich jetzt über Jan Böhmermann empören.

Schaut euch einmal fünf Minuten die Veröffentlichungen von Aktivistmuss an.

Das Projekt von Frauke Seeba und Matthias Seeba-Gomille, früher bekannt als „Hooligans Gegen Satzbau“, dokumentiert seit Jahren Hass und Menschenverachtung in sozialen Netzwerken.

Was dort öffentlich geschrieben wird, ist teilweise kaum zu ertragen.

Mordfantasien. Vergewaltigungswünsche. Rassistische Hetze. Menschen, die sich wünschen, dass andere erschossen, vergast oder überfahren werden.

Das RedaktionsNetzwerk Deutschland berichtete erst am 27. September 2026 ausführlich über dieses Projekt.

Dort geht es um Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Nicht jeder dokumentierte Verfasser ist ein AfD-Anhänger. Aber zahlreiche Beiträge zeigen die Menschenverachtung und Gewaltfantasien, die insbesondere auch in rechten und rechtsextremen Online-Milieus verbreitet werden.

Das sind keine erfundenen Figuren einer Satiresendung.

Das sind reale Äußerungen realer Menschen.

Menschen, die neben uns wohnen, arbeiten und einkaufen.

Nehmt euch dafür fünf Minuten Zeit.

Und anschließend schauen wir uns gemeinsam noch einmal Jan Böhmermann an, der auf einem blauen Roller sitzt, dämlich grinst und sich in einer grotesken Fernsehszene von einem Lastwagen überrollen lässt.

Dann reden wir noch einmal darüber, wer seit Jahren Gewaltfantasien verbreitet und wer plötzlich Anstand und Menschenwürde für sich entdeckt.


Der Hass in den Kommentarspalten ist sogar wissenschaftlich untersucht worden.

Wer regelmäßig politische Beiträge auf Facebook oder Instagram veröffentlicht, kennt das Problem.

Beleidigungen, sexuelle Erniedrigungen, Gewaltfantasien und rassistische Beschimpfungen.

Dass Hass in digitalen politischen Milieus ein strukturelles Problem ist, lässt sich auch wissenschaftlich belegen.

Eine 2020 veröffentlichte Untersuchung wertete eine Stichprobe aus einem Bestand von rund 4,45 Millionen Facebook-Kommentaren auf den Seiten deutscher Parteien aus den Jahren 2016 bis 2018 aus.

Das Ergebnis:

Auf der untersuchten AfD-Seite lag der Anteil der Hasskommentare bei 6,79 Prozent. Der höchste Wert unter den untersuchten Parteien.

Besonders bemerkenswert: Hasskommentare erhielten dort durchschnittlich mehr als doppelt so viele Likes wie gewöhnliche Kommentare.

Das sind keine aktuellen Zahlen für 2026. Aber sie zeigen, dass dieses Problem schon viele Jahre vor Böhmermanns Roller-Gag dokumentiert wurde.

Natürlich ist nicht jeder AfD-Wähler ein Hasskommentator.

Aber genauso wenig kann man ignorieren, dass in Teilen dieses politischen Umfelds Menschenverachtung und politische Gewaltfantasien seit Jahren eine Rolle spielen.


Wer hat die Grenzen des gesellschaftlich Sagbaren verschoben?

Die AfD hat den Hass nicht erfunden.

Auch in anderen politischen Lagern gibt es Beleidigungen, Hetze und Gewaltfantasien. Das muss ebenfalls kritisiert werden.

Aber wenn Funktionäre und Mitarbeiter einer Partei mit solchen Äußerungen auffallen, wenn Untersuchungen auf ihren Parteiseiten besonders viel Hass feststellen und wenn führende Vertreter Grausamkeit als Bestandteil ihrer politischen Vorstellungen beschreiben, dann muss sich diese Partei Fragen nach ihrer Verantwortung gefallen lassen.

Politik verändert Sprache.

Und Sprache verändert, was Menschen irgendwann für normal halten.

Wer politische Gegner ständig als Feinde behandelt, wer ganze Bevölkerungsgruppen abwertet und wer aus jeder Meinungsverschiedenheit einen erbitterten Kulturkampf macht, trägt zur Verrohung unserer Gesellschaft bei.

Satire entsteht nicht außerhalb dieser Gesellschaft.

Sie reagiert auf das, was in ihr geschieht.

Ob Böhmermann seinen Sketch bewusst als Reaktion auf diese jahrelange Verrohung entworfen hat, wissen wir nicht.

Aber ich halte die Frage für berechtigt, ob eine derart drastische satirische Inszenierung auch in einer weniger aufgeheizten politischen Kultur entstanden wäre.


Und plötzlich ist die Empörung riesengroß.

Ich werde Böhmermanns Roller-Gag nicht nachträglich zu großer Satire erklären.

Ich finde ihn weiterhin plump.

Und ich verstehe durchaus, wenn Menschen diese Szene geschmacklos finden.

Aber wenn ich sie neben die dokumentierten Äußerungen von Arppe, Grauf, Lüth, von Storch und Höcke stelle, dann fällt mir auf, wie unterschiedlich über Gewalt gesprochen wird.

Hier eine fiktive Gewaltszene mit einem Satiriker, der selbst die überrollte Figur spielt.

Dort reale politische Akteure beziehungsweise Personen aus ihrem Umfeld, die über Bürgerkrieg, Erschießungen, Vergasungen oder die Inkaufnahme menschlicher Grausamkeit gesprochen haben.

Das ist nicht dasselbe.

Es geht auch nicht darum, diese Aussagen gegeneinander aufzurechnen.

Eine geschmacklose Satire wird durch menschenverachtende Äußerungen anderer nicht automatisch besser.

Aber die Maßstäbe müssen dieselben bleiben.

Die AfD hat sich von einzelnen dieser Personen und Äußerungen distanziert. Das ist richtig und gehört zur Wahrheit.

Nur beantwortet das nicht die Frage, wie glaubwürdig jene Anhänger und Funktionäre sind, die bei solchen Vorfällen schweigen oder relativieren, aber beim Roller-Gag plötzlich den moralischen Aufstand proben.

Wer sich heute über Böhmermanns Roller-Gag empört, sollte sich fragen, wie laut seine Empörung war, als aus dem Umfeld der AfD über Erschießungen, Vergasungen, Bürgerkrieg und Löschkalk gesprochen wurde.

Und wer bei Böhmermann eine unerträgliche Gewaltfantasie erkennt, sollte sich einmal ansehen, was Aktivistmuss Tag für Tag dokumentiert.

Vielleicht ist Böhmermanns Roller-Gag auch ein Spiegel einer politischen Kultur, in der die Grenzen des Sagbaren seit Jahren verschoben werden.

Das macht den Gag nicht besser.

Aber es macht die Debatte darüber ehrlicher.

Denn für mich geht es längst nicht mehr nur um Jan Böhmermann.

Es geht um eine Gesellschaft, in der sich manche Menschen an Hass und Menschenverachtung gewöhnt haben, aber plötzlich große moralische Empörung zeigen, wenn die eigene politische Seite zur Zielscheibe wird.

Menschenwürde ist kein Sonderrecht für die eigene politische Gefolgschaft.

Und Anstand ist keine Einbahnstraße.

Wer ihn fordert, muss ihn auch selbst praktizieren.


Quellenregister

n-tv, 14.10.2026: Satire oder Geschmacklosigkeit? Jan Böhmermann macht den Ulrich Siegmund

t-online, 15.10.2026: ZDF und Böhmermann reagieren auf Beschwerdeflut

taz, 31.08.2017: Protokolle eines AfD-Politikers, Holger Arppe

NDR, 06.06.2018: Holger Arppe aus AfD ausgeschlossen

Oberlandesgericht Karlsruhe, 13.02.2019: Berichterstattung über rechtsextreme Facebook-Chats eines AfD-Mitarbeiters

ZEIT ONLINE, 2020: AfD-Fraktion entlässt Christian Lüth nach menschenverachtenden Äußerungen

Tagesschau, 31.01.2016: Von Storch zum Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge

Tagesschau, 10.02.2016: Von Storch bezeichnet ihre Aussage als Fehler

Björn Höcke / Sebastian Hennig: Nie zweimal in denselben Fluß, 2018, Seite 254. Nachweis auch im ZDF-Faktencheck zu Die Anstalt vom 30. Januar 2026.

RND, 27.09.2026: Aktivistmuss gegen Hass im Netz

Aktivistmuss / Hooligans Gegen Satzbau

netzpolitik.org, 19.12.2020: Wissenschaftliche Untersuchung zu Hasskommentaren auf den Facebook-Seiten deutscher Parteien

#Demokratie #Meinungsfreiheit #Politik #AfD #JanBöhmermann

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Von Karlheinz Skorwider

Karlheinz Skorwider – CEO, Autor & Redakteur Unabhängiger Medien- und Werbeberater mit über 23 Jahren Erfahrung. Beobachter politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, mit klarem Blick auf Sprache, Machtstrukturen und öffentliche Debatten. Vater von drei Kindern, schreibt an dystopischen sowie gesellschaftskritischen Romanen und arbeitet an Projekten politischer Aufklärung. Bei QuelleX verbindet er kritische Analyse mit erzählerischer Schärfe – stets auf der Suche nach Klarheit, Haltung und Perspektive jenseits der Schlagzeilen.

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