Reden wir über Antisemitismus bei Mitte-Rechts

Die Linke gewinnt die Berlin-Wahl. Wenige Tage später wird aus realen antisemitischen Vorfällen innerhalb der Partei eine Debatte über ihre grundsätzliche Regierungsfähigkeit. CDU-Politiker warnen vor einer linken Bürgermeisterin, SPD und Grüne verlangen Konsequenzen. Wer diese Debatte führen will, soll sie führen. Aber vollständig. Denn wer beim Antisemitismus mit dem Finger auf andere zeigt, sollte vorher einen verdammt genauen Blick ins eigene Glashaus werfen.

Die Linke hat die Berliner Abgeordnetenhauswahl mit 25,7 Prozent deutlich gewonnen und ihr Ergebnis von 2023 mehr als verdoppelt. Die CDU landete mit 18,8 Prozent weit dahinter, die AfD erreichte 16,3 Prozent. Die bisherige CDU-SPD-Koalition hat ihre Mehrheit verloren.

Und trotzdem dreht sich die politische Debatte unmittelbar danach vor allem um ein Thema: Antisemitismus in der Linken.

Gut. Dann reden wir darüber.

Aber über den ganzen Antisemitismus.


Ja, es gibt ein Problem in Teilen der Berliner Linken

Innerhalb der Berliner Linken gibt es Personen und Strömungen, deren Äußerungen zum Nahostkonflikt erhebliche Kritik ausgelöst haben. Es gab Vorfälle, die aufgearbeitet werden müssen.

Da gibt es nichts kleinzureden.

Wer antisemitische Ressentiments verbreitet, Gewalt verherrlicht oder Juden kollektiv für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich macht, überschreitet eine Grenze.

Aber daraus wird gerade etwas wesentlich Größeres konstruiert: die Frage, ob die gesamte Linke überhaupt regierungsfähig sei.

Und genau an diesem Punkt lohnt sich der Blick ins Glashaus.


Plötzlich geht es um die Regierungsfähigkeit

Besonders hart wird die Debatte aus der Union geführt. Hinzu kommen Forderungen von Grünen und SPD nach einer eindeutigen Abgrenzung vom Antisemitismus, bevor eine Koalition zustande kommen könne. Tatsächlich ist der Umgang der Linken mit Israel, Palästina und Antisemitismus inzwischen einer der zentralen Konfliktpunkte der Regierungsbildung.

Eine solche Prüfung ist legitim.

Nur muss derselbe Maßstab dann auch für alle gelten.

Und genau dort wird es unangenehm.


Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte

Der Berlin-Monitor 2025 hat antisemitische Einstellungen nach politischer Selbsteinordnung untersucht.

Bei Menschen, die sich links-außen einordnen, wurden beim tradierten Antisemitismus 2,8 Prozent Zustimmung gemessen. Bei rechts-außen waren es 33,3 Prozent.

Israelbezogener Antisemitismus: links-außen 8,4 Prozent, rechts-außen 31,7 Prozent.

Schuldabwehrantisemitismus: links-außen 4,7 Prozent, rechts-außen 48,8 Prozent.

Postkolonialer Antisemitismus: links-außen 8,0 Prozent, rechts-außen 19,7 Prozent.

Auch „Mitte-rechts“ fällt deutlich auf: 21,3 Prozent beim tradierten Antisemitismus, 28,8 Prozent beim israelbezogenen Antisemitismus und 40,5 Prozent beim Schuldabwehrantisemitismus.

Der Berlin-Monitor formuliert den Befund bemerkenswert deutlich: Menschen, die sich links-außen oder Mitte-links einordnen, weisen durchgängig seltener antisemitische Ressentiments auf. Mit der Einordnung Mitte-rechts und rechts-außen steigen die Werte dagegen stark an. Rechts-außen gehöre das antisemitische Ressentiment zur „Alltagsideologie“.

Das heißt ausdrücklich nicht, dass Antisemitismus ein ausschließlich rechtes Problem wäre. Gerade israelbezogener und postkolonialer Antisemitismus existiert auch links.

Aber wer derzeit den Eindruck erweckt, ausgerechnet die politische Linke sei das große antisemitische Problem Berlins, sollte diese Zahlen erklären.


Wo bleibt die gleiche Empörung über rechts?

33,3 Prozent tradierter Antisemitismus.

31,7 Prozent israelbezogener Antisemitismus.

48,8 Prozent Schuldabwehrantisemitismus.

Das sind die Werte für die politische Selbsteinordnung rechts-außen im Berlin-Monitor.

Wo ist angesichts dieser Zahlen die vergleichbare Dauererregung?

Wo ist die tägliche Grundsatzdebatte über die Regierungsfähigkeit rechter Parteien aufgrund antisemitischer Einstellungen in ihrem politischen Umfeld?

Wo ist die politische Empörung über die hohen Werte bereits bei Mitte-rechts?

Man kann nicht Antisemitismus zum entscheidenden politischen Prüfstein erklären und anschließend nur in eine Richtung schauen.

Wer diesen Maßstab aufstellt, muss ihn selbst aushalten.


Eine Antisemitismusforscherin widerspricht

Stefanie Schüler-Springorum leitet das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin.

Sie bezeichnet die gegenwärtige Diskussion um die Linke als „überzogen“ und sagt:

„Antisemitismus gibt es in allen Parteien.“

Noch interessanter ist ihre Einschätzung der politischen Dimension. Sie sieht in der gegenwärtigen Debatte „offensichtlich auch“ den Versuch, die Regierungsbildung in Berlin zu beeinflussen.

Damit behauptet niemand, sämtliche Vorwürfe gegen Mitglieder der Linken seien erfunden.

Das sind sie nicht.

Aber selbst eine der führenden deutschen Antisemitismusforscherinnen warnt davor, aus diesen Vorfällen eine politisch instrumentalisierte Generalabrechnung mit der gesamten Partei zu machen.


Warum ausgerechnet jetzt?

Denn das Timing ist kaum zu übersehen.

Die Linke gewinnt mit 25,7 Prozent.

Die CDU fällt auf 18,8 Prozent.

Die bisherige Regierung verliert ihre Mehrheit.

Eine Koalition aus Linken, Grünen und SPD ist möglich. Ebenso ist eine CDU-geführte Koalition mit Grünen und SPD möglich. Die Frage, wie SPD und Grüne mit der Linken umgehen, entscheidet also ganz konkret darüber, wer künftig Berlin regieren könnte.

Dafür braucht man keine Verschwörungstheorie.

Man muss auch niemandem heimliche Motive unterstellen.

Die politischen Interessen liegen offen auf dem Tisch.

Und Schüler-Springorum sagt selbst, dass die Antisemitismusdebatte auch zur Beeinflussung der Regierungsbildung genutzt werde.


Und plötzlich interessiert der Wählerwille nicht mehr?

Noch absurder wird die Angelegenheit bei einem Argument, das wir im Zusammenhang mit der AfD seit Jahren hören:

Man könne doch 20, 25 oder 30 Prozent der Wähler nicht einfach ignorieren.

Gut.

Dann wenden wir diesen Grundsatz auf Berlin an.

25,7 Prozent.

Mehr als jeder vierte Wähler hat Die Linke gewählt. Bei einer Wahlbeteiligung von 74,2 Prozent wurde sie erstmals stärkste Kraft in Berlin und erreichte ihr historisch bestes Ergebnis.

Natürlich entsteht daraus kein automatischer Anspruch auf das Rote Rathaus. In einer parlamentarischen Demokratie regiert, wer eine Mehrheit organisiert. Auch Politikwissenschaftler Thorsten Faas weist darauf hin, dass die erstplatzierte Partei keinen Rechtsanspruch auf die Regierung hat.

Aber politisch kann man dieses Ergebnis genauso wenig wegwischen.

Die Berliner wussten, wen sie wählen. Die Konflikte um Israel, Gaza und Antisemitismus waren bekannt. Ebenso die Forderungen der Linken bei Mieten, Sozialpolitik und Vergesellschaftung.

Trotzdem entschieden sich 25,7 Prozent für diese Partei.

Wer bei starken AfD-Ergebnissen ständig davor warnt, Millionen Wähler zu ignorieren, kann bei 25,7 Prozent Linke nicht plötzlich so tun, als sei der Wählerwille bedeutungslos.

Entweder ein Viertel der Wählerschaft sendet ein ernst zu nehmendes demokratisches Signal.

Oder nicht.

Die politische Farbe entscheidet darüber nicht.


Antisemitismus ist zu ernst für politische Spielchen

Antisemitismus ist real.

Rechter Antisemitismus existiert. Linker Antisemitismus existiert. Islamistischer Antisemitismus existiert. Israelbezogener Antisemitismus existiert. Schuldabwehrantisemitismus existiert.

Und genau deshalb ist das Thema zu ernst, um es als politische Keule herauszuholen, wenn es gerade nützlich erscheint.

Wer einen antisemitischen Vorfall bei der Linken findet, soll ihn benennen.

Wer antisemitische Äußerungen tätigt, muss mit Konsequenzen rechnen.

Aber dann schauen wir überall hin.

Nach links.

Nach rechts.

Auf die AfD.

Auf das rechtskonservative Milieu.

Auf CDU und CSU.

Auf SPD und Grüne.

Und auf die eigene politische Umgebung.


Wer im Glashaus sitzt

Es geht nicht darum, linken Antisemitismus mit rechtem Antisemitismus aufzurechnen. Ein antisemitischer Vorfall wird nicht weniger schlimm, weil anderswo noch mehr Antisemitismus existiert.

Es geht um denselben Maßstab.

Wer aus antisemitischen Äußerungen Einzelner die Regierungsfähigkeit einer gesamten Partei ableiten will, muss erklären, warum er denselben Maßstab nicht überall anlegt.

Wer nach dem Wahlsieg der Linken plötzlich eine Grundsatzdebatte über Antisemitismus führt, muss sich fragen lassen, warum die erheblich höheren Werte im rechten politischen Spektrum nicht dieselbe politische Dauererregung auslösen.

Und wer jahrelang erklärt hat, man könne starke AfD-Ergebnisse nicht ignorieren, sollte 25,7 Prozent Linke-Wähler nicht behandeln, als hätten sie einen unverbindlichen Wunschzettel abgegeben.

Antisemitismus gehört bekämpft.

Überall.

Ohne Parteibrille. Ohne Doppelstandard. Und ohne ihn zum politischen Werkzeug zu machen, wenn einem ein Wahlergebnis nicht gefällt.

Wer diese Debatte führen will, soll sie führen. Aber vollständig.

Denn wer im Glashaus sitzt, sollte verdammt vorsichtig mit Steinen werfen.


Quellenregister

  1. Berlin-Monitor 2025: Berlin – Zwischen demokratischer Haltung und verbreiteten Ressentiments. Repräsentative Befragung der Berliner Bevölkerung; insbesondere Kapitel 5 und Abb. 5.8 zur politischen Selbstverortung und verschiedenen Formen des Antisemitismus.
  2. Tagesschau/rbb, 21. September 2026: Linke ist klare Gewinnerin der Berlin-Wahl. Vorläufiges Ergebnis der Abgeordnetenhauswahl, Wahlbeteiligung und mögliche Koalitionen.
  3. Tagesschau, 21. September 2026: Was die Wahlergebnisse für die Regierungsbildungen bedeuten. Koalitionsoptionen und Einordnung des Wahlergebnisses.
  4. Tagesschau/rbb, 22. September 2026: Antisemitismusforscherin hält Debatte um Antisemitismus in der Linkspartei für überzogen. Aussagen von Stefanie Schüler-Springorum, Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin.
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Von Karlheinz Skorwider

Karlheinz Skorwider – CEO, Autor & Redakteur Unabhängiger Medien- und Werbeberater mit über 23 Jahren Erfahrung. Beobachter politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, mit klarem Blick auf Sprache, Machtstrukturen und öffentliche Debatten. Vater von drei Kindern, schreibt an dystopischen sowie gesellschaftskritischen Romanen und arbeitet an Projekten politischer Aufklärung. Bei QuelleX verbindet er kritische Analyse mit erzählerischer Schärfe – stets auf der Suche nach Klarheit, Haltung und Perspektive jenseits der Schlagzeilen.

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